Catechismus

4 Der erlösungsbedürftige Mensch

Der in Sünde gefallene Mensch bedarf der Erlösung vom Bösen.

4.1 Das Böse — die widergöttlichen Mächte Nach oben

Der Ursprung des Bösen innerhalb der Schöpfungsordnung kann rational nicht erfasst oder erklärt werden. Paulus spricht von dem Bösen als von einem Geheimnis (2Thess 2,7). Das Böse ist nicht immer eindeutig zu erkennen. Mitunter verstellt es sich und gibt sich den Anschein, als sei es etwas Gutes oder Göttliches (2Kor 11,14). Was das Böse letztlich ist, welche Macht, Kraft und welche Auswirkungen es hat, wird nur angesichts des Glaubens an das Evangelium deutlich.

Absolut gut ist allein Gott. Die unsichtbare und die sichtbare Schöpfung ist nach Gottes Wort zunächst sehr gut (1Mo 1,1-31), insofern hat das Böse in ihr ursprünglich keinen Platz. Gott hat das Böse als solches nicht geschaffen. Es gehört damit nicht zum positiv Geschaffenen, sondern ist zugelassen.

Als Gott den Menschen erschafft, macht er ihn sich selbst zum Bilde (1Mo 1,26 ff.). Dazu gehört, dass der Mensch mit einem freien Willen begabt ist. Er hat die Möglichkeit der Entscheidung zum Gehorsam oder Ungehorsam Gott gegenüber (1Mo 2,16.17; 3,1-7). Darin liegt auch die Möglichkeit zum Bösen begründet. Es tritt zutage, als der Mensch sich bewusst und willentlich dem Guten entgegensetzt, indem er sich von Gott und seinem Willen entfernt. Das Böse des Menschen ist somit nicht von Gott geschaffen, sondern zunächst eine Möglichkeit, für die sich der Mensch durch das Übertreten des göttlichen Gebotes entschieden hat. Gott hat das Böse weder gewollt noch geschaffen, wohl aber zugelassen, indem er die Entscheidung des Menschen nicht verhindert hat.

Von dem Bösen sind seit dem Sündenfall sowohl die Menschen als auch die gesamte Schöpfung betroffen (Röm 8,18-22).

Das Böse beginnt sich zu entfalten, als sich das Geschöpf gegen den Schöpfer stellt. In der Folge des Ungehorsams, des Sündenfalls, greift das Böse Raum und führt zu Gottferne, Gottfremdheit und schließlich Gottlosigkeit.

4.1.1 Das Böse als widergöttliche Kraft Nach oben

Das Böse ist eine Kraft, die dem Willen zur Unabhängigkeit von Gott und dem Wie-Gott-sein-Wollen entspringt. Sie verändert denjenigen, der ihr verfällt, vollständig: Der Engel wird zum Dämon, der Mensch zum Sünder.

Innerhalb der Menschheitsgeschichte wird die Kraft des Bösen immer wieder offenbar. Nach dem Sündenfall Adams und Evas sehen wir sie zum Beispiel im Alten Testament in Kains Brudermord, in der Gottlosigkeit, die zur Zeit Noahs herrscht, in der Unterdrückung des Volkes Israel durch die Ägypter.

Das Böse ist eine zunichtemachende Kraft, die der Schöpfung Gottes entgegensteht. Es ist vielgestaltig; es ist Verblendung und Zersetzung, es ist Lüge, Neid und Habsucht, es will zerstören und bringt den Tod.

Seit dem Sündenfall ist es aufgrund der Geneigtheit zur Sünde (Konkupiszenz) keinem Menschen möglichabgesehen von dem ins Fleisch gekommenen Gottessohn —, ein sündloses Leben zu führen. Dennoch ist niemand dem Bösen willenlos ausgesetzt. Der einzelne Mensch kann sich daher nicht aus der persönlichen Verantwortung für seine Sünden herausnehmen.

4.1.2 Das Böse als Person Nach oben

Das Böse tritt nicht nur als Kraft, sondern auch als Person in Erscheinung. Die Heilige Schrift nennt das personalisierte BöseTeufel“ (Mt 4,1), „Satanoderunreiner Geist“, also Dämon (Hiob 1,6 ff.; Mk 1,13.23).

In 2. Petrus 2,4 und Judas 6 ist von Engeln die Rede, die gesündigt haben. Diese geistigen Wesen sind dem Bösen verfallen und als solche selbst böse geworden. DerTeufel sündigt von Anfang an“ (1Joh 3,8), er istein Mörder von Anfang an“, einLügner und der Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Die Frage der Schlange an Adam und Eva lassen Zweifel an Gott und Auflehnung gegen ihn aufkommen: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ (1Mo 3,4.5).

Eine Gestalt des Bösen ist der Antichrist. Auf ihn weist Jesus Christus hin, wenn er vonfalschen Christussen und falschen Prophetenspricht (Mk 13,22). Auch die BezeichnungenMensch der BosheitoderSohn des Verderbensverweisen auf den Antichristen (2Thess 2,3.4).

Satan ist nicht in der Lage, Gottes Heilsplan zu vereitelnim Gegenteil: Der Sohn Gottes ist erschienen, „dass er die Werke des Teufels zerstöre“ (1Joh 3,8). Die Macht des Teufels und seines Anhangs ist begrenzt und durch den Opfertod Jesu Christi schon gebrochen. Jesus Christus istalle Gewalt im Himmel und auf Erdengegeben (Mt 28,18); er hat also auch Macht über die bösen Geister.

Nach Offenbarung 12 wird der Bösepersonalisiert als Satan, Teufel, Drachen oder Schlangeaus dem Himmel geworfen. Eine letzte Möglichkeit zur Verwirklichung des Widergöttlichen wird ihm nach dem Friedensreich gegeben (Offb 20,7.8). Die endgültige Verbannung des Bösen in denPfuhl von Feuer und Schwefelwird schließlich in Offenbarung 20,10 geschildert. In der neuen Schöpfung, wo Gott sein wirdalles in allem“ (1Kor 15,28), wird Böses keinen Platz haben.

EXTRAKT Nach oben

Der Ursprung des Bösen kann rational nicht erfasst oder erklärt werden. Was das Böse letztlich ist, wird nur angesichts des Glaubens an das Evangelium deutlich. (4.1)

Die unsichtbare und die sichtbare Schöpfung ist zunächst sehr gut; das Böse als solches ist nicht von Gott geschaffen, sondern zugelassen. In der Entscheidungsmöglichkeit zum Gehorsam oder Ungehorsam Gott gegenüber liegt die Möglichkeit zum Bösen begründet. (4.1)

Das Böse beginnt sich zu entfalten, als sich das Geschöpf gegen den Schöpfer stellt. Dies führt zu Gottferne, Gottfremdheit und schließlich Gottlosigkeit. (4.1)

Das Böse ist eine zunichtemachende Kraft, die aus dem Willen zur Unabhängigkeit von Gott entspringt. Sie verändert den, der ihr verfällt. Der Mensch wird zum Sünder. (4.1.1)

Aufgrund der Konkupiszenz kann kein Menschabgesehen von dem ins Fleisch gekommenen Gottessohnein sündloses Leben führen. Dennoch ist niemand dem Bösen willenlos ausgesetzt. Niemand kann sich aus der persönlichen Verantwortung für seine Sünden herausnehmen. (4.1.1)

Das Böse tritt nicht nur als Kraft, sondern auch als Person in Erscheinung und wird u.a. „Teufel“, „Satan" oderunreiner Geist“ (Dämon) genannt. (4.1.2)

4.2 Der Sündenfall Nach oben

Die Lehre von der Sünde und der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen gründet auf dem Bericht der Heiligen Schrift über den Sündenfall (siehe auch 3.3.3):Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: [...] von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben“ (1Mo 2,16.17). — „Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er “ (1Mo 3,6).

4.2.1 Folgen des Sündenfalls für den Menschen Nach oben

Als Folge des Sündenfalls wird der Mensch aus dem Garten Eden vertrieben (1Mo 3,23.24).

Hat sich der Mensch zunächst durch sein Handeln von Gott abgewendet, erfährt er jetzt eine neue Dimension: die Trennung von Gott (1Mo 2,17; Röm 6,23).

4.2.1.1 Der in Sünde gefallene Mensch Nach oben

Der Mensch will sich über seinen Schöpfer erheben. Dadurch zerbricht das ungestörte Verhältnis zu Gott. Dies hat einschneidende Auswirkungen auf das Menschengeschlecht bis zum heutigen Tag.

Adam steht gleichsam als Urbild für alle Sünder. Dies gilt für die Beweggründe zur Sünde, das Verhalten im sündigen Zustand und auch für die Ausweglosigkeit nach dem Fall.

Der entscheidende Gedanke vor dem Überschreiten der von Gott gezogenen Grenze ist in der Versuchung enthalten: „[...] ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ (1Mo 3,5). Keinen Gott über sich haben zu wollen, sondern selbst (ein) Gott zu sein, Gottes Gebote nicht mehr zu respektieren, sondern zu tun, was eigener Wille und eigene Lust begehrendas sind Beweggründe für sündhaftes Verhalten.

Die Sündhaftigkeit aller Menschen wird im ersten Buch Mose in einem erschreckenden Anwachsen der Sünden des Menschengeschlechts dargestellt: Kain erhebt sich wider Gottes Rat und Mahnung und schlägt seinen Bruder tot (1Mo 4,6-8). Immer mehr steigern sich im Fortgang der Zeiten die Sünden der Menschen undschreien zum Himmel“ — Gott lässt die Sintflut kommen (1Mo 6,5-7.17). Doch selbst nach diesem Gericht verbleibt die Menschheit in Ungehorsam und Vermessenheit gegenüber ihrem Schöpfer. Beispielhaft berichtet die Bibel vom Treiben der Erbauer des Turmes von Babel (1Mo 11,1-8), die Gott an ihrer Ehrsucht scheitern lässt.

Apostel Paulus schreibt von diesem Phänomen der Sündhaftigkeit aller Menschen nach dem Sündenfall und dem sich daraus ergebenden geistlichen Tod: „Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben“ (Röm 5,12).

Der Sündenfall hat Veränderungen im Leben des Menschen gebracht, die er nicht umkehren kann. Furcht entfremdet ihn von seinem Schöpfer, dessen Nähe er nun nicht mehr sucht, sondern vor dem er sich verbergen möchte (1Mo 3,8-10). Das Verhältnis der Menschen untereinander hat ebenso Schaden genommen (1Mo 3,12) wie das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung. Mit Mühsal muss sich der Mensch von nun an am Leben halten, an dessen Ende der von Erde Genommene wieder zu Erde wird (1Mo 3,16-19).

Der Mensch kann nicht mehr in den Zustand der Sündlosigkeit zurückkehren.

4.2.1.2 Der sündhafte Mensch bleibt von Gott geliebt Nach oben

Der sündhaft gewordene Mensch muss fortan ernten, was er ausgesät hat: „... der Sünde Sold ist der Tod“ (Röm 6,23). Trotz ihres Ungehorsams und ihrer Überhebung liebt der Ewige seine Geschöpfe, sorgt sich um sie und nimmt sich ihrer an. Bilder göttlicher Fürsorge sind: Gott macht Adam und Eva Röcke aus Fell und kleidet sie damit (1Mo 3,21), und als Kain nach dem Brudermord Rache fürchtet, versieht er ihn mit einem schützenden Mal (1Mo 4,15).

Die Liebe Gottes, die dem Menschen auch nach dem Sündenfall gilt, offenbart sich in vollendeter Weise in der Sendung seines Sohnes. Jesus Christus kommt und besiegt die Sünde (1Joh 3,8). In ihm ist den Menschen Heil geworden für den Schaden, den die Sünde anrichtet (Apg 4,12).

Im beeindruckenden Gegenbild zu Auflehnung und Überhebung der sich immer mehr in die Sünde verstrickenden Menschen setzt der Sohn Gottes in seinem Menschsein ein Zeichen vollkommenen Gehorsams zu seinem Vater (Phil 2,8). Mit seinem Opfertod erwirbt Jesus Christus das Verdienst, durch das der Mensch von seinen Sünden frei gemacht und letztendlich erlöst werden kannvon der Knechtschaft der Vergänglichkeit“ (Röm 8,21). Damit eröffnet sich für ihn die Möglichkeit, in ewiger Gemeinschaft mit Gott zu leben.

Apostel Paulus macht diesen Zusammenhang deutlich: „Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten“ (Röm 5,18.19).

Die Rechtfertigung vor Gott fällt dem sündigen Menschen jedoch nicht einfach zu. Gott hat durch das Opfer Jesu sein Ja zum Menschen gegebener verdammt ihn nicht, sondern will ihm Heil schenken. Der Mensch ist aufgefordert, sich ernsthaft darum zu bemühen und Gottes Ja anzunehmen. Dazu hat ihn Gott mit Gewissen, Vernunft und Glauben begabt. Richtet der Mensch diese auf Jesus Christus aus, wird ihm die Rechtfertigung, die Gottes Sohn erwirkt hat (Röm 4,25), aus Gnaden zugänglich. Was der Mensch erbringt, hat also keine rechtfertigende Wirkung. Vielmehr ist das, was er erbringtdie Werke —, notwendiger und selbstverständlicher Ausdruck des Glaubens: ein Zeichen dafür, dass er Gottes Heilsangebot annimmt.

EXTRAKT Nach oben

Durch den Sündenfall erfolgte die Trennung des Menschen von Gott. Folge ist die Vertreibung aus dem Garten Eden. Adam ist Urbild aller Sünder. (4.2.1; 4.2.1.1)

Gottes Liebe gilt dem Menschen auch nach dem Sündenfall. In vollendeter Weise offenbart sie sich in der Sendung Jesu Christi, der Sünde und Tod besiegt. (4.2.1.2)

4.2.1.3 Gewissen Nach oben

Das Gewissen als eine Gabe, die der Mensch von Gott empfangen hat, wird in der Heiligen Schrift mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet [6]. Im Alten Testament steht dafür oft der Begriff des Herzens, in dem Gottes Stimme wahrnehmbar wird. So heißt es in 5. Mose 30,14: „Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Paulus zeigt demgegenüber auf, dass nicht nur den Menschen unter dem mosaischen Gesetz, sondern auch den Heiden Gottes Wille ins Herz gelegt ist: „Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so [...] beweisen [sie] damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt“ (Röm 2,14.15). Alle Menschen tragen also in ihrem Inneren ein Bewusstsein dessen, was Gott willallen ist ein solches Gewissen zu eigen.

Der sündhafte Mensch ist orientierungslos; er hat die Sicherheit und den Halt verloren, die ihm der Gehorsam Gott gegenüber gegeben hat. Hier kann nun die Instanz des Gewissens helfen, Entscheidungen zu treffen, die Gottes Willen entsprechen. Dabei können durchaus Fehlentscheidungen getroffen werden, insbesondere wenn das Gewissen nicht von Vernunft und Glaube geleitet wird.

In seinem Gewissen vermag der auf sich selbst zurückgeworfene Mensch Gottes Willen wahrzunehmen. So kann durch die Instanz des Gewissens der Wille des Einzelnen zum Guten gelenkt werden. Daher soll er stets bemüht sein, sein Gewissen durch das jedem Menschen ins Herz geschriebene Gesetz immer deutlicher herauszubilden und zu schärfen.

Im Gewissen wird abgewogen, was gut und was böse ist. Wird das Gewissen von Vernunft und Glaube bestimmt, hilft es dem Menschen, weise zu handeln. Es lässt ihn auch erkennen, ob er vor Gott und vor seinem Nächsten schuldig geworden ist, und deckt auf, wo gegen Gottes Willen verstoßen und seinen Ordnungen zuwider gedacht und gehandelt wird.

Der Mensch muss sich zunächst selbst erkennen und vor seinem Gewissen Rechenschaft ablegen. Bezeugt es dem Menschen, dass er gesündigt und Schuld auf sich geladen hat, und lässt sich der Sünder von Buße und Reue leiten, dann bietet Gott ihm in der Gnade aus dem Verdienst Christi Vergebung an. Dies ist der von Gott gelegte Weg zur Rechtfertigung des in Sünde gefallenen Menschen.

Die Heilige Wassertaufe wird für den Menschen als heilende Zuwendung Gottes erfahrbar: „Das ist ein Vorbild der Taufe, die jetzt auch euch rettet. Denn in ihr [...] bitten [wir] Gott um ein gutes Gewissen, durch die Auferstehung Jesu Christi“ (1Petr 3,21). Gottes Wort bestärkt den Menschen, den eingeschlagenen Weg zum Heil weiterzugehen. Damit vollzieht sich eine fortwährende Schärfung des Gewissens, die dazu beiträgt, Gottes Willen immer klarer zu erkennen.

Die Erfahrung der Gnade erfüllt das Herz mit dem Frieden Gottes; das Gewissen, das den Menschen aufgrund seiner Sünden verdammt, wird ruhig. Johannes fasst dies in die Worte: „Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge“ (1Joh 3,19.20).

[6] Der Begriff „Gewissen" wird in vielen weiteren Zusammenhängen — zum Beispiel soziologischen, philosophischen, psychologischen — gebraucht, die hier nicht zur Sprache kommen.

EXTRAKT Nach oben

Die Instanz des Gewissens kann helfen, Entscheidungen nach Gottes Willen zu treffen. Im Gewissen wird abgewogen, was gut und was böse ist. (4.2.1.3)

Wird das Gewissen von Vernunft und Glaube bestimmt, hilft es dem Menschen, weise zu handeln, und lässt ihn erkennen, ob er vor Gott und seinem Nächsten schuldig geworden ist. (4.2.1.3)

4.2.1.4 Vernunft Nach oben

Vernunft ist eine Gabe Gottes, die den Menschen als Ebenbild Gottes vor allen anderen Geschöpfen auszeichnet. Sie ist ihm insbesondere bei der Gestaltung seines Daseins und bei der Erfassung seiner Umwelt behilflich.

Vernunft zeigt sich darin, dass der Mensch unter Einsatz seines Verstandes und seines Wissens denkt und handelt. Dabei steht er, wissentlich oder nicht, in Verantwortung vor Gott und sich selbst (siehe 4.2.1.3). Der Mensch vermag Gegebenheiten zu erkennen und sich Zusammenhänge zu erschließen. Er erkennt sich selbst als Individuum und sieht sich in einer Beziehung zur Welt. Letztlich ist die Vernunft ein Geschenk Gottes an den Menschen, das ihn zum rechten Verhalten anleiten kann: „Er gab ihnen [den Menschen] Vernunft, Sprache, Augen, Ohren und Verstand zum Denken“ (Sir 17,5).

Der Mensch hat von Gott den Auftrag erhalten, sichdie Erde untertanzu machen (1Mo 1,28). Mit seinem Forscherdrang will er sich das, was in der Schöpfung vorhanden ist, zugänglich und nutzbar machen. Geschieht dies in Verantwortung gegenüber Gott und der Schöpfung, handelt der Mensch vernünftig, der Gabe Gottes gemäß.

Die Vernunft wird biblisch auch mit dem BegriffWeisheitbezeichnet. Verstanden als die Fähigkeit zu erkennen, wird sie auf Gottes Wirken zurückgeführt. „Er [Gott] gab mir sichere Erkenntnis dessen, was ist, sodass ich den Bau der Welt begreife und das Wirken der Elemente“ (Weish 7,17). Apostel Paulus verwendet fürVernunftauch den Begriffmenschliche Weisheit“. Sie vermittelt dem Menschen Erkenntnisvermögen, durch das er in göttliche Geheimnisse einzudringen sucht (1Kor 1,21). Erhöbe sich der Mensch über göttliche Ordnungen und damit über Gott selbst, missachtete er also die göttliche Weisheit als Torheit, bedeutete dies letztendlich, die Vernunft würde den Glauben verwerfen (1Kor 2,1-16). Damit verfehlte der Mensch letztlich den Sinn seines Lebens. Eine solche Tendenz ist seit der Aufklärung vor allem in der industrialisierten Welt in vielen Bereichen klar erkennbar. Sie zeigt sich immer dort, wo der Forscherdrang nicht der Verantwortung gegenüber Gott und der Schöpfung untergeordnet wird.

Insoweit ist die menschliche Vernunft aufgrund der Sünde stets unvollkommen. Deshalb wird vom Standpunkt des Glaubens eine Einstellung, die die Vernunft als Maß aller Dinge definiert, als Torheit entlarvt: „Denn es steht geschrieben: ‚Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.' Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?“ (1Kor 1,19.20).

Es ist der menschlichen Vernunft in ihrer Endlichkeit nicht möglich, Gott in seiner Unendlichkeit zu erfassen. Sein Handeln geht über alle menschliche Vernunft hinaus. Der Mensch muss sich daher stets bewusst sein, dass es ihm nicht gelingen kann, Göttliches mit seiner Vernunft völlig zu durchdringen (Röm 11,33).

Wenngleich die Vernunft nicht Maß aller Dinge sein kann, wird sie doch benötigt, um beispielsweise Zusammenhänge des Evangeliums zu erkennen, Worte und Bilder der Heiligen Schrift aufnehmen und begreifen zu können. Ebenso ist sie dazu erforderlich, die Lehre Jesu vor den Menschen zu bekennen. Die Vernunft ist eine göttliche Gabe, nicht aber das höchste aller Güter (Phil 4,7). Daher darf sie auch nicht zum alleinigen Maßstab gemacht werden.

Immer dann, wenn die Vernunft versucht ist, sich gegen Göttliches zu erheben, muss sich der Einzelne bewusst sein, dass er die Gabe der Vernunft nicht richtig einsetzt, sondern es an der Verantwortung Gott gegenüber mangeln lässt. Durch den Glauben weiß sich der Mensch verpflichtet, gegen eine solche Überhebung anzukämpfen: „Wir zerstören damit Gedanken und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus“ (2Kor 10,5).

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Vernunft zeigt sich darin, dass der Mensch unter Einsatz seines Verstandes und seines Wissens denkt und handelt. Dabei steht er, wissentlich oder nicht, in Verantwortung vor Gott, sich selbst (Gewissen) und der Schöpfung. (4.2.1.4)

Vernunft ist Geschenk Gottes, das den Menschen zum rechten Verhalten anleiten kann. (4.2.1.4)

Der Vernunft in ihrer Endlichkeit ist es nicht möglich, Gott in seiner Unendlichkeit zu erfassen. Gottes Handeln geht über alle menschliche Vernunft hinaus. (4.2.1.4)

Wenngleich die Vernunft nicht Maß aller Dinge sein kann, wird sie doch benötigt, um Zusammenhänge des Evangeliums verstehen und bekennen zu können. (4.2.1.4)

4.2.1.5 Glaube Nach oben

In den hebräischen Texten des Alten Testaments findet sich das WortGlaubenicht. Wo dieses Wort in heutigen Übersetzungen steht, heißt es ursprünglichVertrauen“, „Treue“, „Gehorsam“, „ZuversichtoderGewissheit“. All diese Bedeutungen schwingen in dem einen WortGlaubemit. Hebräer 11,1 sagt: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht(siehe 1.4).

Am Anfang des Glaubens steht immer Gott, der sich durch Worte und Werke offenbart. Solange der Mensch Gott völlig vertraut, vermag er Gott zu gehorchen. Der Ungehorsam lässt den Menschen sündigen und vor Gott schuldig werden. Seitdem hat der Mensch ein gebrochenes Verhältnis zu seinem Schöpfer. Will er wieder in die Gemeinschaft mit Gott gelangen, ist es unerlässlich zu glauben (Hebr 11,6).

Für die Vorbilder des Glaubens in der Zeit des Alten Bundes lag das Heil noch in der Zukunft (Hebr 11,39). Als Gott sich in Jesus Christus offenbart, erfüllen sich die alttestamentlichen Verheißungen. Damit bekommt der Glaube eine neue Dimension: Nun richtet er sich auf den Erlöser, auf Jesus Christus. Durch den Glauben an ihn ist es möglich, mit Gott versöhnt zu werden und in Gemeinschaft mit ihm zu gelangen.

Diesen Glauben fordert der Sohn Gottes: „Glaubt an Gott und glaubt an mich!" (Joh 14,1). Die Folge des Unglaubens stellt er in aller Konsequenz heraus: „... denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden“ (Joh 8,24).

Denen, die an Jesus Christus als den Sohn Gottes glauben und ihn aufnehmen, ist Großes verheißen: Sie werdennicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16).

Wahrer christlicher Glaube beruht immer zuerst auf Gottes erwählender und offenbarender Gnade. Dies geht hervor aus dem Bekenntnis des Apostels Petrus: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“, und der sich anschließenden Antwort Jesu: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel“ (Mt 16,16.17). Der Glaube ist Geschenk Gottes und Aufgabe für den Menschen. Nimmt der Mensch Gottes Wort an, vertraut er darauf und handelt er entsprechend, ist der Glaube lebendig und führt zum Heil.

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Der Glaube ist Geschenk Gottes und Aufgabe für den Menschen. Nimmt der Mensch Gottes Wort an, vertraut er darauf und handelt er entsprechend, ist der Glaube lebendig und führt zum Heil. (4.2.1.5)

Am Anfang des Glaubens steht immer Gott, der sich durch Worte und Werke offenbart. (4.2.1.5)

Durch den Glauben an Jesus Christus ist es möglich, mit Gott versöhnt zu werden. (4.2.1.5)

4.2.2 Folgen des Sündenfalls für die Schöpfung Nach oben

Aus dem Sündenfall des Menschen ergeben sich auch weitreichende Auswirkungen auf die daran schuldlose Schöpfung.

Ursprünglich ist die Schöpfungsehr gut“, also vollkommen (1Mo 1,31). Über die sichtbare Schöpfung ist der Mensch von Gott zum Regenten gesetzt. Er trägt somit vor Gott Verantwortung für die Schöpfung, ist aber auch der Schöpfung selbst gegenüber verantwortlich (1Mo 1,28-30). Bei einer derart bedeutsamen Stellung des Menschen innerhalb der sichtbaren Schöpfung hat sein Ungehorsam gegenüber Gott auch auf die irdische Schöpfung entscheidende Auswirkungen: Nachdem der Mensch gesündigt hat, werden der Acker als das Zeichen der sichtbaren Schöpfung sowie die Schlange verflucht (1Mo 3,17.18). Dornen und Distelndie Mühe, die der Mensch nun aufbringen muss, um sein Leben zu fristenstehen zeichenhaft für die Gottferne des Menschen und die Verborgenheit Gottes, die von nun an in der Schöpfung herrschen. In ihr findet der Mensch nicht mehr den direkten Zugang zu Gott. Das Leben des Menschen wird nun begleitet von Unsicherheit und Furcht.

Als Zeichen der Feindlichkeit und des Unfriedens kann das Verhalten der Tiere untereinander angesehen werden. Die Sehnsucht nach Überwindung und Heilung auch dieses Zustands wird in Jesaja 11,6-8 erwähnt: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern ...“

Die Schöpfung bedarf also der Befreiung von dem auf ihr lastenden Fluch. Im Römerbrief wird dies mit aller Deutlichkeit angesprochen: „Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeitohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat —, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet“ (Röm 8,19-22).

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Der Sündenfall des Menschen hat auch auf die daran schuldlose Schöpfung Auswirkungen: Ursprünglich ist sie vollkommen; nachdem der Mensch gesündigt hat, ist sie beschädigt. (4.2.2)

In der gefallenen Schöpfung findet der Mensch keinen direkten Zugang zu Gott; sein Leben wird begleitet von Unsicherheit und Furcht. (4.2.2)

Die gefallene Schöpfung ist erlösungsbedürftig. (4.2.2)

4.3 Sünde und Schuld Nach oben

In der Bibel werden die BegriffeSündeundSchuldteils gleichbedeutend verwendet, teils mit unterschiedlichen Inhalten belegt. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen tritt in einer Aussage des Gottessohnes hervor, als er seine Jünger verteidigte, die nach Auffassung der Pharisäer das Gesetz gebrochen und damit eine Sünde begangen hatten: „Habt ihr nicht gelesen im Gesetz, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen [also durch Übertretung des dritten Gebots sündigen] und sind doch ohne Schuld?“ (Mt 12,5).

4.3.1 Sünde Nach oben

Sünde ist alles, was dem Willen Gottes entgegensteht und Gottes Wesen zuwiderläuft. Jede Sünde trennt von Gott. Um wieder in seine Nähe zu gelangen, muss die Sünde vergeben werden (siehe 12.1.8).

Weder das Alte noch das Neue Testament enthalten eine in sich geschlosseneSündenlehreoder einen systematischen, vollständigenSündenkatalog“.

Immer setzt Gott selbst das Recht durch die Offenbarung seines Willens. Dem Menschen ist geboten, nach Gottes Willen zu fragen und zu handeln. Alle Worte, Taten und zielgerichteten Gedanken, die gegen Gottes Willen und Wesen stehen, sind Sünden, ebenso willentliches Unterlassen von Gutem (Jak 4,17).

Die Heilige Schrift bezeichnet alsSündeden Verstoß gegen die Zehn Gebote (2Mo 20,20), das Brechen Gott gegebener Gelübde (5Mo 23,22), das Verweigern des Glaubens an Christus (Joh 16,9) sowie Geiz, Neid und Vergleichbares.

Ausschlaggebend bei der Frage, ob etwas Sünde ist oder nicht, ist ausschließlich