Katechismus

4 Der erlösungsbedürftige Mensch

Der in Sünde gefallene Mensch bedarf der Erlösung vom Bösen.

4.1 Das Böse — die widergöttlichen Mächte Nach oben

Der Ursprung des Bösen innerhalb der Schöpfungsordnung kann rational nicht erfasst oder erklärt werden. Paulus spricht von dem Bösen als von einem Geheimnis (2Thess 2,7). Das Böse ist nicht immer eindeutig zu erkennen. Mitunter verstellt es sich und gibt sich den Anschein, als sei es etwas Gutes oder Göttliches (2Kor 11,14). Was das Böse letztlich ist, welche Macht, Kraft und welche Auswirkungen es hat, wird nur angesichts des Glaubens an das Evangelium deutlich.

Absolut gut ist allein Gott. Die unsichtbare und die sichtbare Schöpfung ist nach Gottes Wort zunächst sehr gut (1Mo 1,1-31), insofern hat das Böse in ihr ursprünglich keinen Platz. Gott hat das Böse als solches nicht geschaffen. Es gehört damit nicht zum positiv Geschaffenen, sondern ist zugelassen.

Als Gott den Menschen erschafft, macht er ihn sich selbst zum Bilde (1Mo 1,26 ff.). Dazu gehört, dass der Mensch mit einem freien Willen begabt ist. Er hat die Möglichkeit der Entscheidung zum Gehorsam oder Ungehorsam Gott gegenüber (1Mo 2,16.17; 3,1-7). Darin liegt auch die Möglichkeit zum Bösen begründet. Es tritt zutage, als der Mensch sich bewusst und willentlich dem Guten entgegensetzt, indem er sich von Gott und seinem Willen entfernt. Das Böse des Menschen ist somit nicht von Gott geschaffen, sondern zunächst eine Möglichkeit, für die sich der Mensch durch das Übertreten des göttlichen Gebotes entschieden hat. Gott hat das Böse weder gewollt noch geschaffen, wohl aber zugelassen, indem er die Entscheidung des Menschen nicht verhindert hat.

Von dem Bösen sind seit dem Sündenfall sowohl die Menschen als auch die gesamte Schöpfung betroffen (Röm 8,18-22).

Das Böse beginnt sich zu entfalten, als sich das Geschöpf gegen den Schöpfer stellt. In der Folge des Ungehorsams, des Sündenfalls, greift das Böse Raum und führt zu Gottferne, Gottfremdheit und schließlich Gottlosigkeit.

4.1.1 Das Böse als widergöttliche Kraft Nach oben

Das Böse ist eine Kraft, die dem Willen zur Unabhängigkeit von Gott und dem Wie-Gott-sein-Wollen entspringt. Sie verändert denjenigen, der ihr verfällt, vollständig: Der Engel wird zum Dämon, der Mensch zum Sünder.

Innerhalb der Menschheitsgeschichte wird die Kraft des Bösen immer wieder offenbar. Nach dem Sündenfall Adams und Evas sehen wir sie zum Beispiel im Alten Testament in Kains Brudermord, in der Gottlosigkeit, die zur Zeit Noahs herrscht, in der Unterdrückung des Volkes Israel durch die Ägypter.

Das Böse ist eine zunichtemachende Kraft, die der Schöpfung Gottes entgegensteht. Es ist vielgestaltig; es ist Verblendung und Zersetzung, es ist Lüge, Neid und Habsucht, es will zerstören und bringt den Tod.

Seit dem Sündenfall ist es aufgrund der Geneigtheit zur Sünde (Konkupiszenz) keinem Menschen möglich — abgesehen von dem ins Fleisch gekommenen Gottessohn —, ein sündloses Leben zu führen. Dennoch ist niemand dem Bösen willenlos ausgesetzt. Der einzelne Mensch kann sich daher nicht aus der persönlichen Verantwortung für seine Sünden herausnehmen.

4.1.2 Das Böse als Person Nach oben

Das Böse tritt nicht nur als Kraft, sondern auch als Person in Erscheinung. Die Heilige Schrift nennt das personalisierte Böse „Teufel“ (Mt 4,1), „Satan“ oder „unreiner Geist“, also Dämon (Hiob 1,6 ff.; Mk 1,13.23).

In 2. Petrus 2,4 und Judas 6 ist von Engeln die Rede, die gesündigt haben. Diese geistigen Wesen sind dem Bösen verfallen und als solche selbst böse geworden. Der „Teufel sündigt von Anfang an“ (1Joh 3,8), er ist „ein Mörder von Anfang an“, ein „Lügner und der Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Die Frage der Schlange an Adam und Eva lassen Zweifel an Gott und Auflehnung gegen ihn aufkommen: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ (1Mo 3,4.5).

Eine Gestalt des Bösen ist der Antichrist. Auf ihn weist Jesus Christus hin, wenn er von „falschen Christussen und falschen Propheten“ spricht (Mk 13,22). Auch die Bezeichnungen „Mensch der Bosheit“ oder „Sohn des Verderbens“ verweisen auf den Antichristen (2Thess 2,3.4).

Satan ist nicht in der Lage, Gottes Heilsplan zu vereiteln — im Gegenteil: Der Sohn Gottes ist erschienen, „dass er die Werke des Teufels zerstöre“ (1Joh 3,8). Die Macht des Teufels und seines Anhangs ist begrenzt und durch den Opfertod Jesu Christi schon gebrochen. Jesus Christus ist „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ gegeben (Mt 28,18); er hat also auch Macht über die bösen Geister.

Nach Offenbarung 12 wird der Böse — personalisiert als Satan, Teufel, Drachen oder Schlange — aus dem Himmel geworfen. Eine letzte Möglichkeit zur Verwirklichung des Widergöttlichen wird ihm nach dem Friedensreich gegeben (Offb 20,7.8). Die endgültige Verbannung des Bösen in den „Pfuhl von Feuer und Schwefel“ wird schließlich in Offenbarung 20,10 geschildert. In der neuen Schöpfung, wo Gott sein wird „alles in allem“ (1Kor 15,28), wird Böses keinen Platz haben.

EXTRAKT Nach oben

Der Ursprung des Bösen kann rational nicht erfasst oder erklärt werden. Was das Böse letztlich ist, wird nur angesichts des Glaubens an das Evangelium deutlich. (4.1)

Die unsichtbare und die sichtbare Schöpfung ist zunächst sehr gut; das Böse als solches ist nicht von Gott geschaffen, sondern zugelassen. In der Entscheidungsmöglichkeit zum Gehorsam oder Ungehorsam Gott gegenüber liegt die Möglichkeit zum Bösen begründet. (4.1)

Das Böse beginnt sich zu entfalten, als sich das Geschöpf gegen den Schöpfer stellt. Dies führt zu Gottferne, Gottfremdheit und schließlich Gottlosigkeit. (4.1)

Das Böse ist eine zunichtemachende Kraft, die aus dem Willen zur Unabhängigkeit von Gott entspringt. Sie verändert den, der ihr verfällt. Der Mensch wird zum Sünder. (4.1.1)

Aufgrund der Konkupiszenz kann kein Mensch — abgesehen von dem ins Fleisch gekommenen Gottessohn — ein sündloses Leben führen. Dennoch ist niemand dem Bösen willenlos ausgesetzt. Niemand kann sich aus der persönlichen Verantwortung für seine Sünden herausnehmen. (4.1.1)

Das Böse tritt nicht nur als Kraft, sondern auch als Person in Erscheinung und wird u.a. „Teufel“, „Satan" oder „unreiner Geist“ (Dämon) genannt. (4.1.2)

4.2 Der Sündenfall Nach oben

Die Lehre von der Sünde und der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen gründet auf dem Bericht der Heiligen Schrift über den Sündenfall (siehe auch 3.3.3): „Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: [...] von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben“ (1Mo 2,16.17). — „Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß“ (1Mo 3,6).

4.2.1 Folgen des Sündenfalls für den Menschen Nach oben

Als Folge des Sündenfalls wird der Mensch aus dem Garten Eden vertrieben (1Mo 3,23.24).

Hat sich der Mensch zunächst durch sein Handeln von Gott abgewendet, erfährt er jetzt eine neue Dimension: die Trennung von Gott (1Mo 2,17; Röm 6,23).

4.2.1.1 Der in Sünde gefallene Mensch Nach oben

Der Mensch will sich über seinen Schöpfer erheben. Dadurch zerbricht das ungestörte Verhältnis zu Gott. Dies hat einschneidende Auswirkungen auf das Menschengeschlecht bis zum heutigen Tag.

Adam steht gleichsam als Urbild für alle Sünder. Dies gilt für die Beweggründe zur Sünde, das Verhalten im sündigen Zustand und auch für die Ausweglosigkeit nach dem Fall.

Der entscheidende Gedanke vor dem Überschreiten der von Gott gezogenen Grenze ist in der Versuchung enthalten: „[...] ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ (1Mo 3,5). Keinen Gott über sich haben zu wollen, sondern selbst (ein) Gott zu sein, Gottes Gebote nicht mehr zu respektieren, sondern zu tun, was eigener Wille und eigene Lust begehren — das sind Beweggründe für sündhaftes Verhalten.

Die Sündhaftigkeit aller Menschen wird im ersten Buch Mose in einem erschreckenden Anwachsen der Sünden des Menschengeschlechts dargestellt: Kain erhebt sich wider Gottes Rat und Mahnung und schlägt seinen Bruder tot (1Mo 4,6-8). Immer mehr steigern sich im Fortgang der Zeiten die Sünden der Menschen und „schreien zum Himmel“ — Gott lässt die Sintflut kommen (1Mo 6,5-7.17). Doch selbst nach diesem Gericht verbleibt die Menschheit in Ungehorsam und Vermessenheit gegenüber ihrem Schöpfer. Beispielhaft berichtet die Bibel vom Treiben der Erbauer des Turmes von Babel (1Mo 11,1-8), die Gott an ihrer Ehrsucht scheitern lässt.

Apostel Paulus schreibt von diesem Phänomen der Sündhaftigkeit aller Menschen nach dem Sündenfall und dem sich daraus ergebenden geistlichen Tod: „Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben“ (Röm 5,12).

Der Sündenfall hat Veränderungen im Leben des Menschen gebracht, die er nicht umkehren kann. Furcht entfremdet ihn von seinem Schöpfer, dessen Nähe er nun nicht mehr sucht, sondern vor dem er sich verbergen möchte (1Mo 3,8-10). Das Verhältnis der Menschen untereinander hat ebenso Schaden genommen (1Mo 3,12) wie das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung. Mit Mühsal muss sich der Mensch von nun an am Leben halten, an dessen Ende der von Erde Genommene wieder zu Erde wird (1Mo 3,16-19).

Der Mensch kann nicht mehr in den Zustand der Sündlosigkeit zurückkehren.

4.2.1.2 Der sündhafte Mensch bleibt von Gott geliebt Nach oben

Der sündhaft gewordene Mensch muss fortan ernten, was er ausgesät hat: „... der Sünde Sold ist der Tod“ (Röm 6,23). Trotz ihres Ungehorsams und ihrer Überhebung liebt der Ewige seine Geschöpfe, sorgt sich um sie und nimmt sich ihrer an. Bilder göttlicher Fürsorge sind: Gott macht Adam und Eva Röcke aus Fell und kleidet sie damit (1Mo 3,21), und als Kain nach dem Brudermord Rache fürchtet, versieht er ihn mit einem schützenden Mal (1Mo 4,15).

Die Liebe Gottes, die dem Menschen auch nach dem Sündenfall gilt, offenbart sich in vollendeter Weise in der Sendung seines Sohnes. Jesus Christus kommt und besiegt die Sünde (1Joh 3,8). In ihm ist den Menschen Heil geworden für den Schaden, den die Sünde anrichtet (Apg 4,12).

Im beeindruckenden Gegenbild zu Auflehnung und Überhebung der sich immer mehr in die Sünde verstrickenden Menschen setzt der Sohn Gottes in seinem Menschsein ein Zeichen vollkommenen Gehorsams zu seinem Vater (Phil 2,8). Mit seinem Opfertod erwirbt Jesus Christus das Verdienst, durch das der Mensch von seinen Sünden frei gemacht und letztendlich erlöst werden kann „von der Knechtschaft der Vergänglichkeit“ (Röm 8,21). Damit eröffnet sich für ihn die Möglichkeit, in ewiger Gemeinschaft mit Gott zu leben.

Apostel Paulus macht diesen Zusammenhang deutlich: „Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten“ (Röm 5,18.19).

Die Rechtfertigung vor Gott fällt dem sündigen Menschen jedoch nicht einfach zu. Gott hat durch das Opfer Jesu sein Ja zum Menschen gegeben — er verdammt ihn nicht, sondern will ihm Heil schenken. Der Mensch ist aufgefordert, sich ernsthaft darum zu bemühen und Gottes Ja anzunehmen. Dazu hat ihn Gott mit Gewissen, Vernunft und Glauben begabt. Richtet der Mensch diese auf Jesus Christus aus, wird ihm die Rechtfertigung, die Gottes Sohn erwirkt hat (Röm 4,25), aus Gnaden zugänglich. Was der Mensch erbringt, hat also keine rechtfertigende Wirkung. Vielmehr ist das, was er erbringt — die Werke —, notwendiger und selbstverständlicher Ausdruck des Glaubens: ein Zeichen dafür, dass er Gottes Heilsangebot annimmt.

EXTRAKT Nach oben

Durch den Sündenfall erfolgte die Trennung des Menschen von Gott. Folge ist die Vertreibung aus dem Garten Eden. Adam ist Urbild aller Sünder. (4.2.1; 4.2.1.1)

Gottes Liebe gilt dem Menschen auch nach dem Sündenfall. In vollendeter Weise offenbart sie sich in der Sendung Jesu Christi, der Sünde und Tod besiegt. (4.2.1.2)

4.2.1.3 Gewissen Nach oben

Das Gewissen als eine Gabe, die der Mensch von Gott empfangen hat, wird in der Heiligen Schrift mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet [6]. Im Alten Testament steht dafür oft der Begriff des Herzens, in dem Gottes Stimme wahrnehmbar wird. So heißt es in 5. Mose 30,14: „Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Paulus zeigt demgegenüber auf, dass nicht nur den Menschen unter dem mosaischen Gesetz, sondern auch den Heiden Gottes Wille ins Herz gelegt ist: „Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so [...] beweisen [sie] damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt“ (Röm 2,14.15). Alle Menschen tragen also in ihrem Inneren ein Bewusstsein dessen, was Gott will — allen ist ein solches Gewissen zu eigen.

Der sündhafte Mensch ist orientierungslos; er hat die Sicherheit und den Halt verloren, die ihm der Gehorsam Gott gegenüber gegeben hat. Hier kann nun die Instanz des Gewissens helfen, Entscheidungen zu treffen, die Gottes Willen entsprechen. Dabei können durchaus Fehlentscheidungen getroffen werden, insbesondere wenn das Gewissen nicht von Vernunft und Glaube geleitet wird.

In seinem Gewissen vermag der auf sich selbst zurückgeworfene Mensch Gottes Willen wahrzunehmen. So kann durch die Instanz des Gewissens der Wille des Einzelnen zum Guten gelenkt werden. Daher soll er stets bemüht sein, sein Gewissen durch das jedem Menschen ins Herz geschriebene Gesetz immer deutlicher herauszubilden und zu schärfen.

Im Gewissen wird abgewogen, was gut und was böse ist. Wird das Gewissen von Vernunft und Glaube bestimmt, hilft es dem Menschen, weise zu handeln. Es lässt ihn auch erkennen, ob er vor Gott und vor seinem Nächsten schuldig geworden ist, und deckt auf, wo gegen Gottes Willen verstoßen und seinen Ordnungen zuwider gedacht und gehandelt wird.

Der Mensch muss sich zunächst selbst erkennen und vor seinem Gewissen Rechenschaft ablegen. Bezeugt es dem Menschen, dass er gesündigt und Schuld auf sich geladen hat, und lässt sich der Sünder von Buße und Reue leiten, dann bietet Gott ihm in der Gnade aus dem Verdienst Christi Vergebung an. Dies ist der von Gott gelegte Weg zur Rechtfertigung des in Sünde gefallenen Menschen.

Die Heilige Wassertaufe wird für den Menschen als heilende Zuwendung Gottes erfahrbar: „Das ist ein Vorbild der Taufe, die jetzt auch euch rettet. Denn in ihr [...] bitten [wir] Gott um ein gutes Gewissen, durch die Auferstehung Jesu Christi“ (1Petr 3,21). Gottes Wort bestärkt den Menschen, den eingeschlagenen Weg zum Heil weiterzugehen. Damit vollzieht sich eine fortwährende Schärfung des Gewissens, die dazu beiträgt, Gottes Willen immer klarer zu erkennen.

Die Erfahrung der Gnade erfüllt das Herz mit dem Frieden Gottes; das Gewissen, das den Menschen aufgrund seiner Sünden verdammt, wird ruhig. Johannes fasst dies in die Worte: „Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge“ (1Joh 3,19.20).

[6] Der Begriff „Gewissen" wird in vielen weiteren Zusammenhängen — zum Beispiel soziologischen, philosophischen, psychologischen — gebraucht, die hier nicht zur Sprache kommen.

EXTRAKT Nach oben

Die Instanz des Gewissens kann helfen, Entscheidungen nach Gottes Willen zu treffen. Im Gewissen wird abgewogen, was gut und was böse ist. (4.2.1.3)

Wird das Gewissen von Vernunft und Glaube bestimmt, hilft es dem Menschen, weise zu handeln, und lässt ihn erkennen, ob er vor Gott und seinem Nächsten schuldig geworden ist. (4.2.1.3)

4.2.1.4 Vernunft Nach oben

Vernunft ist eine Gabe Gottes, die den Menschen als Ebenbild Gottes vor allen anderen Geschöpfen auszeichnet. Sie ist ihm insbesondere bei der Gestaltung seines Daseins und bei der Erfassung seiner Umwelt behilflich.

Vernunft zeigt sich darin, dass der Mensch unter Einsatz seines Verstandes und seines Wissens denkt und handelt. Dabei steht er, wissentlich oder nicht, in Verantwortung vor Gott und sich selbst (siehe 4.2.1.3). Der Mensch vermag Gegebenheiten zu erkennen und sich Zusammenhänge zu erschließen. Er erkennt sich selbst als Individuum und sieht sich in einer Beziehung zur Welt. Letztlich ist die Vernunft ein Geschenk Gottes an den Menschen, das ihn zum rechten Verhalten anleiten kann: „Er gab ihnen [den Menschen] Vernunft, Sprache, Augen, Ohren und Verstand zum Denken“ (Sir 17,5).

Der Mensch hat von Gott den Auftrag erhalten, sich „die Erde untertan“ zu machen (1Mo 1,28). Mit seinem Forscherdrang will er sich das, was in der Schöpfung vorhanden ist, zugänglich und nutzbar machen. Geschieht dies in Verantwortung gegenüber Gott und der Schöpfung, handelt der Mensch vernünftig, der Gabe Gottes gemäß.

Die Vernunft wird biblisch auch mit dem Begriff „Weisheit“ bezeichnet. Verstanden als die Fähigkeit zu erkennen, wird sie auf Gottes Wirken zurückgeführt. „Er [Gott] gab mir sichere Erkenntnis dessen, was ist, sodass ich den Bau der Welt begreife und das Wirken der Elemente“ (Weish 7,17). Apostel Paulus verwendet für „Vernunft“ auch den Begriff „menschliche Weisheit“. Sie vermittelt dem Menschen Erkenntnisvermögen, durch das er in göttliche Geheimnisse einzudringen sucht (1Kor 1,21). Erhöbe sich der Mensch über göttliche Ordnungen und damit über Gott selbst, missachtete er also die göttliche Weisheit als Torheit, bedeutete dies letztendlich, die Vernunft würde den Glauben verwerfen (1Kor 2,1-16). Damit verfehlte der Mensch letztlich den Sinn seines Lebens. Eine solche Tendenz ist seit der Aufklärung vor allem in der industrialisierten Welt in vielen Bereichen klar erkennbar. Sie zeigt sich immer dort, wo der Forscherdrang nicht der Verantwortung gegenüber Gott und der Schöpfung untergeordnet wird.

Insoweit ist die menschliche Vernunft aufgrund der Sünde stets unvollkommen. Deshalb wird vom Standpunkt des Glaubens eine Einstellung, die die Vernunft als Maß aller Dinge definiert, als Torheit entlarvt: „Denn es steht geschrieben: ‚Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.' Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?“ (1Kor 1,19.20).

Es ist der menschlichen Vernunft in ihrer Endlichkeit nicht möglich, Gott in seiner Unendlichkeit zu erfassen. Sein Handeln geht über alle menschliche Vernunft hinaus. Der Mensch muss sich daher stets bewusst sein, dass es ihm nicht gelingen kann, Göttliches mit seiner Vernunft völlig zu durchdringen (Röm 11,33).

Wenngleich die Vernunft nicht Maß aller Dinge sein kann, wird sie doch benötigt, um beispielsweise Zusammenhänge des Evangeliums zu erkennen, Worte und Bilder der Heiligen Schrift aufnehmen und begreifen zu können. Ebenso ist sie dazu erforderlich, die Lehre Jesu vor den Menschen zu bekennen. Die Vernunft ist eine göttliche Gabe, nicht aber das höchste aller Güter (Phil 4,7). Daher darf sie auch nicht zum alleinigen Maßstab gemacht werden.

Immer dann, wenn die Vernunft versucht ist, sich gegen Göttliches zu erheben, muss sich der Einzelne bewusst sein, dass er die Gabe der Vernunft nicht richtig einsetzt, sondern es an der Verantwortung Gott gegenüber mangeln lässt. Durch den Glauben weiß sich der Mensch verpflichtet, gegen eine solche Überhebung anzukämpfen: „Wir zerstören damit Gedanken und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus“ (2Kor 10,5).

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Vernunft zeigt sich darin, dass der Mensch unter Einsatz seines Verstandes und seines Wissens denkt und handelt. Dabei steht er, wissentlich oder nicht, in Verantwortung vor Gott, sich selbst (Gewissen) und der Schöpfung. (4.2.1.4)

Vernunft ist Geschenk Gottes, das den Menschen zum rechten Verhalten anleiten kann. (4.2.1.4)

Der Vernunft in ihrer Endlichkeit ist es nicht möglich, Gott in seiner Unendlichkeit zu erfassen. Gottes Handeln geht über alle menschliche Vernunft hinaus. (4.2.1.4)

Wenngleich die Vernunft nicht Maß aller Dinge sein kann, wird sie doch benötigt, um Zusammenhänge des Evangeliums verstehen und bekennen zu können. (4.2.1.4)

4.2.1.5 Glaube Nach oben

In den hebräischen Texten des Alten Testaments findet sich das Wort „Glaube“ nicht. Wo dieses Wort in heutigen Übersetzungen steht, heißt es ursprünglich „Vertrauen“, „Treue“, „Gehorsam“, „Zuversicht“ oder „Gewissheit“. All diese Bedeutungen schwingen in dem einen Wort „Glaube“ mit. Hebräer 11,1 sagt: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ (siehe 1.4).

Am Anfang des Glaubens steht immer Gott, der sich durch Worte und Werke offenbart. Solange der Mensch Gott völlig vertraut, vermag er Gott zu gehorchen. Der Ungehorsam lässt den Menschen sündigen und vor Gott schuldig werden. Seitdem hat der Mensch ein gebrochenes Verhältnis zu seinem Schöpfer. Will er wieder in die Gemeinschaft mit Gott gelangen, ist es unerlässlich zu glauben (Hebr 11,6).

Für die Vorbilder des Glaubens in der Zeit des Alten Bundes lag das Heil noch in der Zukunft (Hebr 11,39). Als Gott sich in Jesus Christus offenbart, erfüllen sich die alttestamentlichen Verheißungen. Damit bekommt der Glaube eine neue Dimension: Nun richtet er sich auf den Erlöser, auf Jesus Christus. Durch den Glauben an ihn ist es möglich, mit Gott versöhnt zu werden und in Gemeinschaft mit ihm zu gelangen.

Diesen Glauben fordert der Sohn Gottes: „Glaubt an Gott und glaubt an mich!" (Joh 14,1). Die Folge des Unglaubens stellt er in aller Konsequenz heraus: „... denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden“ (Joh 8,24).

Denen, die an Jesus Christus als den Sohn Gottes glauben und ihn aufnehmen, ist Großes verheißen: Sie werden „nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16).

Wahrer christlicher Glaube beruht immer zuerst auf Gottes erwählender und offenbarender Gnade. Dies geht hervor aus dem Bekenntnis des Apostels Petrus: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“, und der sich anschließenden Antwort Jesu: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel“ (Mt 16,16.17). Der Glaube ist Geschenk Gottes und Aufgabe für den Menschen. Nimmt der Mensch Gottes Wort an, vertraut er darauf und handelt er entsprechend, ist der Glaube lebendig und führt zum Heil.

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Der Glaube ist Geschenk Gottes und Aufgabe für den Menschen. Nimmt der Mensch Gottes Wort an, vertraut er darauf und handelt er entsprechend, ist der Glaube lebendig und führt zum Heil. (4.2.1.5)

Am Anfang des Glaubens steht immer Gott, der sich durch Worte und Werke offenbart. (4.2.1.5)

Durch den Glauben an Jesus Christus ist es möglich, mit Gott versöhnt zu werden. (4.2.1.5)

4.2.2 Folgen des Sündenfalls für die Schöpfung Nach oben

Aus dem Sündenfall des Menschen ergeben sich auch weitreichende Auswirkungen auf die daran schuldlose Schöpfung.

Ursprünglich ist die Schöpfung „sehr gut“, also vollkommen (1Mo 1,31). Über die sichtbare Schöpfung ist der Mensch von Gott zum Regenten gesetzt. Er trägt somit vor Gott Verantwortung für die Schöpfung, ist aber auch der Schöpfung selbst gegenüber verantwortlich (1Mo 1,28-30). Bei einer derart bedeutsamen Stellung des Menschen innerhalb der sichtbaren Schöpfung hat sein Ungehorsam gegenüber Gott auch auf die irdische Schöpfung entscheidende Auswirkungen: Nachdem der Mensch gesündigt hat, werden der Acker als das Zeichen der sichtbaren Schöpfung sowie die Schlange verflucht (1Mo 3,17.18). Dornen und Disteln — die Mühe, die der Mensch nun aufbringen muss, um sein Leben zu fristen — stehen zeichenhaft für die Gottferne des Menschen und die Verborgenheit Gottes, die von nun an in der Schöpfung herrschen. In ihr findet der Mensch nicht mehr den direkten Zugang zu Gott. Das Leben des Menschen wird nun begleitet von Unsicherheit und Furcht.

Als Zeichen der Feindlichkeit und des Unfriedens kann das Verhalten der Tiere untereinander angesehen werden. Die Sehnsucht nach Überwindung und Heilung auch dieses Zustands wird in Jesaja 11,6-8 erwähnt: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern ...“

Die Schöpfung bedarf also der Befreiung von dem auf ihr lastenden Fluch. Im Römerbrief wird dies mit aller Deutlichkeit angesprochen: „Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit — ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat —, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet“ (Röm 8,19-22).

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Der Sündenfall des Menschen hat auch auf die daran schuldlose Schöpfung Auswirkungen: Ursprünglich ist sie vollkommen; nachdem der Mensch gesündigt hat, ist sie beschädigt. (4.2.2)

In der gefallenen Schöpfung findet der Mensch keinen direkten Zugang zu Gott; sein Leben wird begleitet von Unsicherheit und Furcht. (4.2.2)

Die gefallene Schöpfung ist erlösungsbedürftig. (4.2.2)

4.3 Sünde und Schuld Nach oben

In der Bibel werden die Begriffe „Sünde“ und „Schuld“ teils gleichbedeutend verwendet, teils mit unterschiedlichen Inhalten belegt. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen tritt in einer Aussage des Gottessohnes hervor, als er seine Jünger verteidigte, die nach Auffassung der Pharisäer das Gesetz gebrochen und damit eine Sünde begangen hatten: „Habt ihr nicht gelesen im Gesetz, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen [also durch Übertretung des dritten Gebots sündigen] und sind doch ohne Schuld?“ (Mt 12,5).

4.3.1 Sünde Nach oben

Sünde ist alles, was dem Willen Gottes entgegensteht und Gottes Wesen zuwiderläuft. Jede Sünde trennt von Gott. Um wieder in seine Nähe zu gelangen, muss die Sünde vergeben werden (siehe 12.1.8).

Weder das Alte noch das Neue Testament enthalten eine in sich geschlossene „Sündenlehre“ oder einen systematischen, vollständigen „Sündenkatalog“.

Immer setzt Gott selbst das Recht durch die Offenbarung seines Willens. Dem Menschen ist geboten, nach Gottes Willen zu fragen und zu handeln. Alle Worte, Taten und zielgerichteten Gedanken, die gegen Gottes Willen und Wesen stehen, sind Sünden, ebenso willentliches Unterlassen von Gutem (Jak 4,17).

Die Heilige Schrift bezeichnet als „Sünde“ den Verstoß gegen die Zehn Gebote (2Mo 20,20), das Brechen Gott gegebener Gelübde (5Mo 23,22), das Verweigern des Glaubens an Christus (Joh 16,9) sowie Geiz, Neid und Vergleichbares.

Ausschlaggebend bei der Frage, ob etwas Sünde ist oder nicht, ist ausschließlich der göttliche Wille, wie er aus der Heiligen Schrift erkennbar ist, wie er dem Sinn und Geist des Evangeliums Christi entspricht und wie er durch den Heiligen Geist geoffenbart wird. Keinesfalls darf der Mensch eigenständig festlegen, was Sünde ist.

Jeder ist in seinen Lebensumständen Gott und sich selbst gegenüber verantwortlich, trägt also Eigenverantwortung.

4.3.2 Schuld Nach oben

Wenn der Mensch gegen Gottes Willen verstößt, sündigt er und lädt Gott gegenüber Schuld auf sich. Schuld ist dann gegeben, wenn Gott in seiner Gerechtigkeit und Allwissenheit dem Menschen, der eine Sünde begangen hat, dieses Fehlverhalten anrechnet. Die Schwere der Schuld bemisst allein Gott.

Das Ausmaß dieser Schuld kann unterschiedlich sein: Das Wissen und Wollen des Sünders um sein Handeln ist hierbei entscheidend; ebenso können dafür bestimmte Einflüsse, denen Menschen ausgesetzt sind, eine Rolle spielen, wie zum Beispiel allgemeine Lebenssituationen, gesellschaftliche Strukturen, staatliche Rechtsnormen, Notlagen, krankhafte Veranlagungen. Die aus der Sünde resultierende Schuld kann im Einzelfall gegen Null tendieren, auf der anderen Seite „zum Himmel schreien“ (1Mo 4,10). Aus all dem ergibt sich, dass Schuld im Gegensatz zur Sünde relativierbar ist.

Gott will in seiner Liebe den Menschen von Sünde erlösen und von Schuld befreien. Dazu dient das Opfer Christi, Inbegriff des göttlichen Heilshandelns.

EXTRAKT Nach oben

Sünde und Schuld sind zu unterscheiden. (4.3)

Sünde ist alles, was dem Willen Gottes entgegensteht und Gottes Wesen zuwiderläuft. Jede Sünde trennt von Gott und muss vergeben werden. Ob etwas Sünde ist oder nicht, liegt ausschließlich im göttlichen Willen. Keinesfalls darf der Mensch eigenständig festlegen, was Sünde ist. (4.3.1)

Schuld ist dann gegeben, wenn Gott in seiner Gerechtigkeit und Allwissenheit dem Menschen, der eine Sünde begangen hat, dieses Fehlverhalten anrechnet. Die Schwere der Schuld kann unterschiedlich sein, Gott allein bemisst sie. Im Gegensatz zur Sünde ist Schuld relativierbar. (4.3.2)

4.4 Gottes Heilsplan Nach oben

In der Heiligen Schrift wird der Begriff „Heil“ im Sinn von „Rettung“, „Bewahrung“ und „Erlösung“ verwendet. Gottes Handeln zielt darauf hin, das Heil zu verwirklichen. Dies vollzieht sich als Heilsgeschichte. In ihr lässt sich eine Abfolge göttlicher Taten nach einem Plan Gottes erkennen.

Die Heilsgeschichte setzt unmittelbar nach dem Sündenfall ein. Sie geht weiter mit der Rettung Noahs vor dem Verderben in der Sintflut, der göttlichen Erwählung und Segnung der Erzväter, dem Bund mit Israel und der Geschichte des alttestamentlichen Volkes Gottes. Das zentrale heilsgeschichtliche Ereignis ist die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, sein Opfer am Kreuz, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt. Es folgen die Ausgießung des Heiligen Geistes und die Verbreitung des Evangeliums durch die Apostel der ersten Zeit und die weitere Entwicklung des Christentums bis zur Wiederbesetzung des Apostelamts, die auf die Bereitung der Brautgemeinde zur Wiederkunft Jesu Christi zielt. Danach folgt das Heilswirken im Tausendjährigen Friedensreich bis zum Endgericht. Schließlich wird Gott den neuen Himmel und die neue Erde schaffen. Dieser gesamte Ablauf wird als „Heilsplan Gottes“ bezeichnet.

Ein erster Ausdruck göttlicher Heilsgedanken findet sich in seinem Handeln nach dem Sündenfall (siehe 4.2). So sieht die christliche Tradition bereits im Fluch über die Schlange einen Hinweis auf den kommenden Erlöser, den Mittelpunkt des Heilsplans.

Art und Maß des zu vermittelnden Heils sind in den verschiedenen Abschnitten der Heilsgeschichte von Gott unterschiedlich gestaltet. Über allem aber steht der Errettungswille Gottes, der allen Menschen aller Zeiten gilt.

4.4.1 Alttestamentliche Heilshoffnung Nach oben

Die Hoffnung auf Heil richtete sich im Alten Bund zunächst vordergründig auf Rettung aus irdischer Not und Gefangenschaft. In dieser Hinsicht erfuhr das Volk Israel Gottes Handeln in der Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft.

Dann gab Gott seinem Volk durch Mose das Gesetz. Es enthält Anweisungen, wie der Mensch aus Schuldverhältnissen anderen Menschen gegenüber freikommen kann (u.a. 2Mo 21,28-30; 3Mo 25,39 ff.).

Im Lauf der Zeit bezog sich die Heilshoffnung Israels immer deutlicher auf den erwarteten Messias, auf Befreiung aus der versklavenden Macht der Sünde: „... hoffe Israel auf den Herrn! Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden“ (Ps 130,7.8).

In vielen Verheißungen bereitete Gott durch die Propheten das Erscheinen des Erlösers vor. In ihm werden all diese Zusagen erfüllt.

4.4.2 Jesus Christus — Heiland und Mittler des Heils Nach oben

Galater 4,4.5 zeigt, dass die gesamte Heilsgeschichte im Alten Bund auf die Geburt des Sohnes Gottes, auf Jesus Christus, zielt: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.“

Jesus Christus ist der von Gott gesandte Erlöser. Er offenbart sich in seinen Worten und Werken als Erretter. Wer an ihn glaubt, erkennt: „Dieser ist wahrlich der Welt Heiland“ (Joh 4,42). Einzig in ihm ist das Heil (Apg 4,12).

Der Gottessohn vollbringt während seiner Erdenzeit mancherlei Heilungswunder. Bei der Heilung eines Gelähmten, wie sie in Matthäus 9,2-6 geschildert ist, verweist Jesus auf das viel bedeutsamere Heil: auf die Erlösung des Menschen von der Sünde.

Das Heil ist in Jesus Christus in die Welt gekommen — er ist Urheber des ewigen Heils (Hebr 5,9). Er hat die Erlösung gebracht und ist der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch (1Tim 2,5.6). Durch das Opfer Christi ist das Verhältnis des Menschen zu Gott auf eine neue Grundlage gestellt. Das damit erworbene Verdienst ermöglicht die Befreiung von Sünde und die Aufhebung der dauerhaften Trennung von Gott: „... das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“ (2Kor 5,17-19).

Kein Mensch kann aus sich heraus zur Erlösung gelangen; jeder ist Sünder und auf Gottes Heilshandeln angewiesen (Mt 16,26). Durch Jesus Christus ist das Heil allen Menschen zugänglich geworden, sowohl Lebenden als auch Toten (Apg 13,47; Röm 14,9).

Der Heilsplan Gottes sieht vor, dass im Lauf der Zeit allen Menschen Heil angeboten wird. So sind zum Beispiel die Ausbreitung des Evangeliums durch die ersten Apostel, die weltweite Verbreitung des Christentums und die Bereitung der Brautgemeinde auf die Wiederkunft Christi Abschnitte in diesem Heilsplan.

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Gottes Handeln zielt darauf, Heil — im Sinn von „Rettung“, „Bewahrung“ und „Erlösung“ — zu verwirklichen. Dies vollzieht sich als Heilsgeschichte. In ihr lässt sich eine Abfolge göttlicher Taten nach einem Plan Gottes erkennen, dieser wird als „Heilsplan Gottes“ bezeichnet. (4.4)

Art und Maß des zu vermittelnden Heils sind in den Abschnitten der Heilsgeschichte unterschiedlich. Über allem aber steht Gottes Errettungswille, der allen Menschen aller Zeiten gilt. (4.4)

Die Hoffnung auf Heil richtete sich in alttestamentlicher Zeit zunächst auf Rettung aus irdischer Not und Gefangenschaft. Im Lauf der Zeit bezog sich die Heilshoffnung Israels immer deutlicher auf den erwarteten Messias. (4.4.1)

Die Heilsgeschichte im Alten Bund zielt auf Jesus Christus, den von Gott gesandten Erlöser. Er ist Urheber des ewigen Heils und der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch. Das durch Christus am Kreuz erworbene Verdienst ermöglicht die Befreiung von Sünde und die Aufhebung der Trennung von Gott. (4.4.2)

Durch Jesus Christus ist das Heil allen Menschen zugänglich geworden, sowohl Lebenden als auch Toten. Kein Mensch kann aus sich heraus zur Erlösung gelangen. (4.4.2)

4.4.3 Bereitung der Brautgemeinde Nach oben

Durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus in Wort und Sakrament erfährt der Gläubige heute das Heil, auf die Wiederkunft Christi bereitet zu werden, was ihm die Teilhabe an der Herrlichkeit Gottes erschließt. Zur Erlangung dieses Heils in Christus ist das Apostelamt (siehe 7.4) im gegenwärtigen Abschnitt des göttlichen Heilsplans wieder besetzt (siehe 11.3.3). Die Apostel haben die Aufgabe, das Wort Gottes zu verkündigen und die Sakramente (siehe 8) zu spenden.

Ziel dieser Heilsvermittlung ist die Sammlung der Braut Christi sowie ihre Bereitung auf die Wiederkunft des Herrn. Das Heil für die Braut Christi, die gläubig das göttliche Heilsangebot angenommen hat, liegt darin, bereits am Tag des Herrn durch die Hochzeit des Lammes in die ewige Gemeinschaft mit Gott zu gelangen (siehe auch 10.5).

In den Abschnitten des Heilsplans, die auf den Tag des Herrn folgen (siehe 10.3 bis 10.6), ist Heil auf andere Weise zu erfahren:

Die Gläubigen, die in der großen Trübsal wegen ihres Bekenntnisses zu Christus ihr Leben ließen, haben teil an der ersten Auferstehung und regieren als Priester mit Christus. In dieser Zeit, dem Tausendjährigen Friedensreich, wird das Heil allen Menschen angeboten. All jene, die im Endgericht Gnade finden, werden in der neuen Schöpfung ewige Gemeinschaft mit Gott haben.

Der Heilsplan Gottes, wie er der Heiligen Schrift entnommen werden kann, findet seinen Abschluss mit der neuen Schöpfung (Offb 21).

EXTRAKT Nach oben

Im gegenwärtigen Abschnitt des göttlichen Heilsplans ist das Apostelamt erneut besetzt, das durch Wort und Sakrament Heil vermittelt. Ziel ist es, die Brautgemeinde zu sammeln und auf die Wiederkunft des Herrn vorzubereiten. (4.4.3)

Vollkommenes Heil erfährt die Brautgemeinde bei der Wiederkunft Christi, wenn sie in die ewige Gemeinschaft mit Gott gelangt. (4.4.3)

Der Heilsplan Gottes findet seinen Abschluss mit der neuen Schöpfung. (4.4.3)

4.5 Erwählung Nach oben

Erwählung ist im Willen Gottes begründet, der einzelne Menschen oder Gruppen zu einem von ihm bestimmten Zweck herausruft und damit in Verantwortung nimmt.

4.5.1 Erwählung im Alten Testament Nach oben

Schon in der Schöpfung deutet sich göttliches Erwählen — verbunden mit der daraus resultierenden Verantwortung — an. Gott hat den Menschen aus all seinen Geschöpfen heraus erwählt und ihm den Auftrag gegeben, sich die Erde untertan zu machen. Die ihm verliehene besondere Stellung geht aus Weisheit 2,23 hervor: „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit geschaffen und ihn zum Abbild seines eignen Wesens gemacht.“ Im Ablauf der alttestamentlichen Heilsgeschichte ist die Bedeutung der Erwählung besonders an Noah, Abraham und dem Volk Israel erkennbar:

  • Als Gott beschließt, die Menschen von der Erde zu vertilgen (1Mo 6,1-8), sagt er Noah Rettung zu. Diese Erwählung macht Noah fest, indem er alles tut, was ihm Gott gebietet. Dadurch werden Noah und seine Familie — und somit das Menschengeschlecht — vor dem Verderben bewahrt.

  • Abraham ist dazu erwählt, dass durch ihn alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollen (1Mo 12,3). Die ihm von Gott gegebenen Verheißungen gehen auf Isaak über.

  • Von dessen beiden Söhnen wäre Esau als Erstgeborener rechtmäßiger Empfänger des Segens gewesen, Gott jedoch erwählte Jakob und segnete ihn (1Mo 28,13-15). Darin zeigt sich: Weder kann jemand Anspruch auf Gottes erwählende Gnade geltend machen, noch lässt sie sich mit menschlicher Überlegung nachvollziehen.

  • Aus den zwölf Söhnen Jakobs geht das Volk Israel hervor, das Gott zu seinem Bundesvolk beruft: „Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker — denn du bist das kleinste unter allen Völkern —, sondern weil er euch geliebt hat“ (5Mo 7,6-8). Ursprung für die Erwählung ist also Gottes Liebe.

  • Aus der Mitte des Volkes Israel erwählte Gott auch einzelne Menschen, die seinen Willen verkündigten und von ihm zur Erfüllung besonderer Aufgaben bestimmt waren. Dazu zählen Mose und Josua sowie etliche Richter, Könige und die Propheten.

4.5.2 Erwählung im Neuen Testament Nach oben

Jesus erwählt aus der Schar seiner Jünger die Apostel und sendet sie in alle Welt mit dem Auftrag, zu lehren und zu taufen (Mt 28,19.20; Lk 6,13). Aus Juden und Heiden erwählt der Herr das Volk des Neuen Bundes. Wer die Erwählung festmacht, nimmt das Evangelium im Glauben an und lässt sich mit Wasser und Heiligem Geist taufen. Von dem Volk des Neuen Bundes heißt es in 1. Petrus 2,9: „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Daraus geht auch hervor, dass sich für alle, die zum Volk des Neuen Bundes gehören, die Verpflichtung ergibt, die empfangenen Wohltaten Gottes durch Wort und Wandel zu bezeugen (2Petr 1,10.11).

4.5.3 Gottes freie Gnadenwahl Nach oben

Die Erwählung ist Geschenk Gottes, das im Glauben angenommen wird oder durch den Unglauben Ablehnung erfährt.

Niemand kann sich die Erwählung mit Werken verdienen oder gar Anspruch darauf erheben; sie lässt sich auch nicht verstandesmäßig erklären. Die göttliche Erwählung ist ein Geheimnis Gottes, das einzig im Glauben ergriffen werden kann. Gott schenkt sie dem, den er dazu ersehen hat (Röm 9,10-20).

Der Mensch wird nicht gezwungen, Gottes Erwählung anzunehmen und festzumachen. Ob er dem göttlichen Ruf glaubt, folgt und treu die ihm zugewiesenen Aufgaben erfüllt, liegt in seiner Entscheidung.

Insofern besteht zwischen der vom menschlichen Verhalten unabhängigen Gnadenwahl Gottes und der Willensentscheidung des Menschen, Gottes Erwählung anzunehmen oder nicht, ein Spannungsfeld, das sich nicht auflösen lässt.

Gott erwählt Menschen zu deren eigenem und zum Heil anderer; sie sind ausersehen, in seinem Heilsplan mitzuwirken. Wenn Gott erwählt, ist damit Aufgabe oder Bestimmung verbunden.

So sind diejenigen herausgerufen und zum Christsein erwählt, die getauft sind und sich zu Jesus Christus als Herrn und Heiland bekennen. Sie sollen das Evangelium weitertragen. Solche Christen, die wiedergeboren sind aus Wasser und Geist, haben darüber hinaus die Voraussetzung zur Erstlingsschaft erhalten. Aus dieser Schar wird die Braut Christi bereitet, um im Reich des Friedens die königliche Priesterschaft zu bilden (siehe 10.6).

Aus der Lehre von der Erwählung darf nicht abgeleitet werden, dass der Mensch in seinen Handlungen von vornherein festgelegt sei und keinerlei Entscheidungsmöglichkeit habe [7]. Diese Möglichkeit gehört vielmehr zum Sein des Menschen. Ebenso wenig darf gefolgert werden, die Erwählung eines Menschen zur Brautgemeinde bedeute die Verwerfung derer, die dazu nicht erwählt sind. Vielmehr steht allen Menschen künftiges Heil offen — bis hin zu ewiger Gemeinschaft mit Gott in der neuen Schöpfung.

Die Annahme der Erwählung im Glauben bedeutet, Jesus Christus konsequent nachzufolgen. Erwählung hat auch eschatologische Auswirkungen: Wenn Jesus Christus als König aller Könige sein Reich des Friedens aufrichtet, wird die königliche Priesterschaft an seiner Seite die frohe Botschaft vom Heil in Christus allen Menschen verkündigen. Erwählt sind dazu diejenigen, die an der ersten Auferstehung teilhaben (Offb 20,6).

Das Festmachen der Erwählung zeigt sich im gläubigen Annehmen der Gnade sowie durch Treue zu Gott und seinem Werk.

Die Erwählung ist Akt der Liebe Gottes; er steht treu zu seinen Auserwählten. Keine äußeren Einflüsse vermögen es, sie von Gottes Liebe zu trennen (Röm 8,29.37-39).

[7] Die Erwählung wird häufig mit der Vorherbestimmung (Prädestination) in Zusammenhang gebracht. Prädestination wurde zuweilen als göttliche Vorsehung des Geschicks des einzelnen Menschen aufgefasst. Die Prädestination bezieht sich jedoch nicht bestimmend auf die Abläufe des menschlichen Lebens auf Erden, sondern darauf, dass Gott Menschen zum Heil vorherbestimmt.

EXTRAKT Nach oben

Erwählung ist im Willen Gottes begründet. Gott ruft Einzelne zu einem von ihm bestimmten Zweck heraus. Gott hat den Menschen aus all seinen Geschöpfen erwählt und ihm Auftrag gegeben, sich die Erde untertan zu machen. (4.5; 4.5.1)

Weder kann jemand Anspruch auf Gottes erwählende Gnade geltend machen, noch lässt sie sich mit menschlicher Überlegung nachvollziehen. Dies zeigt sich an vielen Beispielen im Alten Testament. (4.5.1; 4.5.3)

Aus der Schar seiner Jünger erwählt Jesus die Apostel und sendet sie in alle Welt mit dem Auftrag, zu lehren und zu taufen. Aus Juden und Heiden erwählt Gott sich das Volk des Neuen Bundes. (4.5.2)

Erwählung ist Geschenk der Liebe Gottes, das im Glauben angenommen oder durch den Unglauben abgelehnt wird; diese Entscheidungsfreiheit gehört zum Sein des Menschen. Die Annahme der Erwählung im Glauben heißt, Jesus Christus konsequent nachzufolgen. (4.5.3)

Gott erwählt Menschen zu deren eigenem Heil und zum Heil anderer. Wenn Gott erwählt, ist damit Aufgabe oder Bestimmung verbunden. (4.5.3)

Erwählung bedeutet nicht, dass das Handeln des Menschen von vornherein festgelegt sei. (4.5.3)

4.6 Gottes Segen Nach oben

Unter „Segen“ ist Gottes Zuwendung zu verstehen. Segnen steht gleichbedeutend für Gottes Heil schaffendes und heilendes Wirken an den Menschen und an der Schöpfung. Der Gegensatz dazu ist der Fluch, die Abwendung Gottes vom Menschen.

Die Überzeugung, dass der Mensch in seiner gesamten Existenz von Gottes Segen abhängig ist, weist auf ein Menschenbild hin, das sich aus dem Glauben an Gott als den allmächtigen Schöpfer und Erhalter alles Geschaffenen herleitet. Der Mensch ist aus sich selbst heraus nicht in der Lage, sein Leben so zu gestalten, dass es zum Guten für ihn selbst, für die Mitmenschen und für die Schöpfung dient.

Fluch als Gegenteil von Segen kommt über den Menschen, als er sich im Sündenfall gegen Gott auflehnt. Fluch ist alles, was den Menschen in die Gottferne führt und was er dort erfährt: Er ist voll Unruhe, Friedlosigkeit und dem Verfall und dem Tod preisgegeben. Hilfe findet er nicht in sich selbst, sondern einzig in Gott.

Aus dem Fluch, der Sünde verfallen zu sein, erlöst die Gnade. Indem der Mensch die Gaben Gottes gläubig ergreift und sich von ihm leiten lässt, wird er des Segens teilhaftig.

Gott übermittelt seinen Segen oftmals durch von ihm dazu beauftragte Menschen.

Segen ist umfassend, er betrifft den ganzen Menschen. Er birgt göttliche Kraft in sich und gibt dem Menschen Zusage künftigen Heils. Segen ist eine Zuwendung Gottes, die sich niemand verdienen kann. Gesegnet zu werden bedeutet, Gutes von Gott zu empfangen. Niemand vermag sich selbst zu segnen. Doch ist der Mensch aufgerufen, um den Segen Gottes zu beten und sich so zu verhalten, dass er sich dieses Segens würdig erweist.

Segen entfaltet sich, wenn Glaube vorhanden ist; Segen ist ein sich immer wieder erneuerndes Geschenk Gottes. Ob er sich dauerhaft auswirkt, hängt nicht zuletzt von der Einstellung und vom Wandel des Gesegneten ab. Handelt dieser nach Gottes Wohlgefallen, dann wird er selbst für andere zum Segen.

Segen kann sich über den unmittelbaren Empfänger und sein Leben hinaus auf künftige Generationen erstrecken.

4.6.1 Gottes Segen in der Schöpfung Nach oben

Bei der Schöpfung hat Gott die Kreatur gesegnet und das Gesetz der Vermehrung in das geschaffene Leben hineingelegt. Er hat die Schöpfung dem Menschen anvertraut und ihm dafür einen Segen zugesprochen (1Mo 1,28-30), den er nach der Sintflut erneuerte (1Mo 9,1.11). Was dieser Segen alles umfasst, kommt in den Worten zum Ausdruck: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1Mo 8,22).

Der Segen Gottes, der am Anfang auf der Schöpfung lag, ist durch den Fluch der Sünde zwar in seiner Wirkung eingeschränkt, doch nicht aufgehoben worden: „Denn die Erde, die den Regen trinkt, der oft auf sie fällt, und nützliche Frucht trägt denen, die sie bebauen, empfängt Segen von Gott“ (Hebr 6,7). Dieser Segen kommt allen Menschen zugute (Mt 5,45).

4.6.2 Gottes Segen im Alten Bund Nach oben

Die Zusage des Segens an Israel ist Bestandteil des Bundes, den Gott mit seinem auserwählten Volk geschlossen hat. Dieser Segen hing von der Erfüllung der Bundespflichten Israels ab: allein Gott zu dienen und seinen Geboten zu gehorchen. Handelte das Volk anders, wäre Fluch daran gebunden. Die Entscheidung darüber lag in der Hand des Volkes: „Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch: den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des Herrn, eures Gottes, die ich euch heute gebiete; den Fluch aber, wenn ihr nicht gehorchen werdet den Geboten des Herrn, eures Gottes“ (5Mo 11,26-28). Hier wird deutlich: Die Abkehr von Gott und seinen Geboten zieht den Fluch nach sich.

Im Alten Bund zeigte sich der Segen Gottes vor allem in der unmittelbar erfahrbaren Lebenswelt des Menschen und erstreckte sich auf alle Bereiche, zum Beispiel Sieg im Kampf gegen Feinde, langes Leben, Reichtum, zahlreiche Nachkommenschaft, Fruchtbarkeit des Landes (5Mo 28,3-6). Doch hat Segen auch im Alten Bund schon eine über das irdische Wohlergehen hinausgehende Dimension. Das wird bei Gottes Verheißung an Abraham deutlich: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (1Mo 12,2.3). Dieser Segen reichte weit über die Zusage persönlichen Wohlergehens hinaus; er befähigte Abraham, auch zu einem Segen für andere zu werden. Gottes Segen sollte alle kommenden Geschlechter erfassen: Dieser Segen ist durch Jesus Christus allen Völkern zugänglich geworden (Gal 3,14).

4.6.3 Gottes Segen im Neuen Bund Nach oben

In Jesus Christus hat die Übermittlung des göttlichen Segens im Neuen Bund eingesetzt. Der Herr segnete durch sein Wort, durch seine Wunder, durch seinen Wandel. Kindern legte er segnend die Hände auf, Sündern hat er vergeben. Sein Segnen krönte er durch die Hingabe seines sündlosen Lebens am Kreuz als Sühnopfer zur Versöhnung für alle Menschen. Damit hat er den auf den Sündern lastenden Fluch auf sich genommen.

Der Segen, der sich in Jesus Christus erschließt, kann als umfassend verstanden werden. So lesen wir in Epheser 1,3: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus“. Dieser Segen hat begonnen mit der Erwählung vor Grundlegung der Welt (Vers 4). Er birgt weiter in sich die Erlösung und die Vergebung der Sünden (Vers 7), er führt zur Erkenntnis des Willens Gottes (Vers 9), enthält die Bestimmung zum Erben der künftigen Herrlichkeit (Vers 11), erschließt die Teilhabe am Evangelium (Vers 13) und ermöglicht die Versiegelung mit der Gabe des Heiligen Geistes, dem Unterpfand des Erbes zur Erlösung (Verse 13.14).

Der Glaubende weiß, dass in der in Jesus Christus erfolgten Erwählung die Berufung liegt, den Segen zu erben (1Petr 3,9). Er erweist seine Dankbarkeit für den Segen Gottes durch ein von Gottesfurcht, Gehorsam des Glaubens und Selbstlosigkeit geprägtes Leben.

Mit Segen verbunden ist auch das Opfer (siehe 13.2.4); dies ist eine Grunderfahrung christlichen Lebens.

Viele göttliche Segnungen werden den Glaubenden im Gottesdienst zugänglich gemacht (siehe 12.1 und 12.2).

Die Fülle des Segens liegt darin, auf ewig an Gottes Herrlichkeit teilzuhaben.

EXTRAKT Nach oben

Segen ist eine Zuwendung Gottes, die sich niemand verdienen kann. Segnen steht gleichbedeutend für Gottes Heil schaffendes Wirken an den Menschen und der Schöpfung. (4.6)

Gott übermittelt seinen Segen oftmals durch von ihm dazu beauftragte Menschen. Niemand vermag sich selbst zu segnen. Segen entfaltet sich, wenn Glaube vorhanden ist. (4.6)

Bei der Schöpfung hat Gott die Kreatur gesegnet und das Gesetz der Vermehrung in das geschaffene Leben hineingelegt. Er hat die Schöpfung dem Menschen anvertraut und ihm Segen zugesprochen. Der Segen Gottes wurde durch den Fluch der Sünde zwar in seiner Wirkung eingeschränkt, doch nicht aufgehoben. (4.6.1)

Im Alten Bund zeigte sich der Segen Gottes vor allem in irdischem Wohlergehen, hatte jedoch auch eine darüber hinausgehende Dimension. (4.6.2)

Jesus Christus segnete durch Wort und Tat. Die Hingabe seines sündlosen Lebens als Sühnopfer zur Versöhnung für alle Menschen ist der größte Segen. (4.6.3)

Im Gottesdienst werden den Glaubenden göttliche Segnungen zugänglich gemacht. (4.6.3)

Die Fülle des Segens liegt darin, auf ewig an Gottes Herrlichkeit teilzuhaben. (4.6.3)

4.7 Die Aufgaben des Gesetzes Nach oben

Unter „Gesetz“ versteht man allgemein die von einer höheren Autorität gegebenen und für alle in deren Herrschaftsbereich Lebenden verbindlichen Vorschriften und Regeln; es definiert Rechte und Pflichten.

Über allen Gesetzgebern steht Gott als höchster Souverän. Das Gesetz, das ungeschrieben für jeden Menschen gilt, nennt man „Natur- und Sittengesetz“ (Röm 2,14.15). In ihm werden die ethischen und moralischen Anforderungen und Maßstäbe deutlich, nach denen sich menschliches Leben vollziehen soll. In seinen Grundzügen und Forderungen ist das Sittengesetz über alle geschichtlichen und sozialen Veränderungen hinweg unveränderlich. Aus dem allgemeinen Sittengesetz können wesentliche Teile der staatlichen Gesetzgebung abgeleitet werden. Wichtige Elemente dieses Gesetzes kommen beispielsweise in den Zehn Geboten zur Sprache.

Es gibt jedoch nicht nur ein den Menschen forderndes und ihn zum Handeln anleitendes Gesetz, sondern ein die Lebenswirklichkeit vorgebendes Gesetz. Letzteres strukturiert und gibt dem biologischen, sozialen und politischen Leben seine Ordnung. Erfahren wird es in den elementaren Ereignissen des menschlichen Lebens, in Geschichte und Natur, Geburt und Tod, Altern und Sterben, Gelingen und Scheitern, ebenso im Miterleben von geschichtlichen Ereignissen oder Naturkatastrophen: All dies sind Facetten dieser Gesetzeserfahrung.

Das Alte Testament geht davon aus, dass der Mensch vor Gott gerecht sei durch ein Leben nach den Vorgaben des mosaischen Gesetzes (5Mo 6,25). Zu dieser Zeit galt das mosaische Gesetz als höchste und für die Israeliten verbindliche Ordnung. Das Evangelium hingegen besagt, dass das Heil und die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, aus dem Glauben an Christi Opfer und Auferstehung kommen. Die göttliche Gnade steht über dem Gesetz.

Apostel Paulus setzte sich — insbesondere im Römerbrief — mit den gegensätzlichen Gedanken zur Gerechtigkeit, nämlich Gesetz oder Gnade, auseinander. Die beiden unterschiedlichen Zugänge führten in den urchristlichen Gemeinden zu Zwist zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Dadurch sah sich der Apostel veranlasst, sich mit dieser Thematik ausführlich zu beschäftigen.

4.7.1 Zum Begriff „Gesetz“ Nach oben

Mit „Gesetz“ ist zunächst das schriftlich festgehaltene mosaische Gesetz — also die fünf Bücher Mose (die Thora) — gemeint. Wesentliches Element des mosaischen Gesetzes sind die Zehn Gebote sowie das Doppelgebot der Liebe (siehe 5.3).

Das Gesetz wird im Alten Bund als Weg zum Heil verstanden. Es eröffnet dem Menschen die Möglichkeit, Sünde zu meiden und dadurch vor Gott gerecht zu leben und seinem Gericht zu entgehen. Das Gesetz stellt den Israeliten vor eine Entscheidung: Hält er es, hat er Gottes Segen; bricht er es, trifft ihn Gottes Fluch (5Mo 11,26-28). In Fällen, in denen allein die rituelle Seite des Gesetzes — die nur formale Erfüllung der Gebote — betont wird, kritisierten dies die Propheten harsch (Jes 1,10-17).

In Jesus Christus ist der Weg zum Heil, zur völligen Versöhnung mit Gott, gelegt worden. Das Neue Testament legt offen, um was es sich bei dem mosaischen Gesetz handelt: Es ist nicht — wie bis dahin geglaubt — Heilsweg, sondern zeigt die Situation des unrettbar in die Sünde verstrickten Menschen vor Gott auf und weist auf den wahren Weg zum Heil hin.

Überdies lässt sich vom Neuen Testament aus der Gesetzesbegriff wesentlich erweitern: Mit ihm ist nicht mehr nur die schriftlich fixierte Thora gemeint, sondern auch die Grundbefindlichkeit allen Lebens und aller Dinge, in die auch der Mensch eingefügt ist. Hierzu gehören die Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung, Aussaat und Ernte, Werden und Vergehen, denen sich nichts und niemand entziehen kann. „Gesetz“ bedeutet auch eine im Menschen vorhandene Instanz, die moralische und ethische Forderungen an ihn stellt (siehe 4.2.1.3).

Sowohl Juden als auch Heiden stehen unter dem Gesetz: Die Juden stehen unter dem Mose offenbarten Gesetz, die Heiden unter dem Gesetz, das Gott ins Herz aller Menschen geschrieben hat (Röm 2,15).

4.7.2 Das Gesetz als Anleitung zum rechten Handeln Nach oben

Aufgabe des Gesetzes, das Gott gegeben hat, ist die Anleitung zu Gott wohlgefälligem Handeln; es ist gütige Lebenshilfe Gottes. Es gibt dem Menschen konkrete Verhaltensregeln. Somit leitet das Gesetz zum Guten an und will helfen, das Böse zu meiden.

Innerhalb des mosaischen Gesetzes sind die Speise- und Reinheitsgebote sowie die Anweisungen zur Einhaltung des Sabbats und zur Erfüllung des priesterlichen Dienstes von zentraler Bedeutung. Dieses Gesetz gibt den Maßstab für die rechte Gottesverehrung sowie für den richtigen Umgang der Menschen miteinander: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ (Mi 6,8).

Nach „Gottes Wort“ — also nach dem Gesetz — zu handeln, bedeutet vor allem, Gott die Treue zu halten und keine Götzen anzubeten. Im Gehorsam Gott gegenüber zeigt sich die Demut des Menschen. „Liebe üben“ heißt im zwischenmenschlichen Bereich, den Nächsten zu achten und ihm mit Wertschätzung zu begegnen. Dieses Grundanliegen des Gesetzes spricht Jesus Christus in der Bergpredigt aus: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12).

Die Frommen des Alten Bundes gingen davon aus, die Forderungen des Gesetzes könnten erfüllt werden und damit zur Erlangung des Heils dienen. Allerdings zeugen auch etliche Stellen im Alten Testament von einem Bewusstsein für die Tatsache, dass der Mensch nicht in der Lage ist, alle Vorschriften des Gesetzes vollständig zu erfüllen (u.a. Ps 19,13). Im Grundsatz aber steht die Überzeugung: Wer das Gesetz erfüllt, ist gerecht; ihm widerfährt Heil. Wer das Gesetz übertritt, ist Sünder; ihm droht das Gericht.

4.7.3 Das Gesetz als Anleitung zur Erkenntnis der Sünde Nach oben

Im Licht des Evangeliums erschließt sich das richtige Verständnis des von Gott gegebenen Gesetzes.

Apostel Paulus schreibt im Römerbrief: „Wir wissen aber: was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, damit allen der Mund gestopft werde und alle Welt vor Gott schuldig sei, weil kein Mensch durch die Werke des Gesetzes vor ihm gerecht sein kann. Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm 3,19.20). Der Mensch erkennt sich angesichts der Forderung des Gesetzes, an der er immer wieder scheitert, als Sünder, als Ungerechter und von daher als ein der göttlichen Gnade Bedürftiger (Röm 7,7-10).

Aus der Sicht des Neuen Testaments besteht also die vornehmste Aufgabe des mosaischen Gesetzes darin, dass der Mensch einsieht: Es ist unmöglich, allein durch eigenes Bemühen Heil zu erlangen. Das Gesetz kann nicht aus dem Ungerechten den Gerechten, aus dem Sünder den Begnadigten machen. Trotzdem bleiben die grundsätzlichen Forderungen des Gesetzes in den Zehn Geboten und dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe bestehen.

Das Gesetz lässt den Menschen also als Sünder offenbar werden. Es verdeutlicht die Notwendigkeit, volles Heil durch Vergebung der Sünde zu erhalten. So weist es immer schon auf Jesus Christus hin: „Ehe aber der Glaube kam, waren wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben hin, der dann offenbar werden sollte. So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden“ (Gal 3,23.24). Ein „Zuchtmeister“ — das bedeutet ein Lehrer oder Pädagoge, der Zusammenhänge bewusst macht und zu Christus leitet.

Paulus fasst die Aufgabe des Gesetzes im Römerbrief zusammen: Durch den Ungehorsam eines Menschen (Adam) sind viele zu Sündern geworden; durch den Gehorsam des einen Erlösers (Jesus Christus) sind viele zu Gerechten geworden. Dazwischen liegt das Gesetz — wie Paulus schreibt, ist es „dazwischen hineingekommen“ (Röm 5,19.20). Letztlich soll das mosaische Gesetz zur Erkenntnis führen, dass aus ihm keine Erlösung bewirkt wird, sondern diese einzig durch Jesus Christus kommt.

EXTRAKT Nach oben

Das Gesetz, das ungeschrieben und unveränderlich für jeden Menschen gilt, ist das Natur- und Sittengesetz. Wichtige Elemente dieses Gesetzes kommen in den Zehn Geboten zur Sprache. (4.7)

Das die Lebenswirklichkeit strukturierende Gesetz gibt dem biologischen und gesellschaftlichen Leben seine Ordnung. (4.7)

Das mosaische Gesetz wird im Alten Bund als Heilsweg verstanden. Es eröffnet dem Menschen die Möglichkeit, Sünde zu meiden, dadurch vor Gott gerecht zu leben und seinem Gericht zu entgehen. In Jesus Christus ist der Weg zum Heil, zur völligen Versöhnung mit Gott, gelegt. Das Neue Testament verdeutlicht, dass das mosaische Gesetz nicht Heilsweg ist, sondern den Weg zum Heil weist. (4.7.1)

Aufgabe des mosaischen Gesetzes ist die Anleitung zu Gott wohlgefälligem Handeln. Im Licht des Evangeliums erschließt sich das richtige Verständnis des von Gott gegebenen Gesetzes. (4.7.2)

Das Gesetz lässt den Menschen als Sünder offenbar werden und verdeutlicht die Notwendigkeit, volles Heil durch Vergebung der Sünde zu erhalten. So weist es immer schon auf Jesus Christus hin. (4.7.3)

4.8 Gesetz und Evangelium Nach oben

Die genaue Einhaltung des mosaischen Gesetzes und die Beschäftigung mit seinem Inhalt waren im Alten Bund von zentraler Bedeutung (siehe 4.7.1).

Der Begriff „Evangelium“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „gute Nachricht“. Der hellenistische Sprachgebrauch ist allerdings nicht die einzige Quelle für das neutestamentliche Verständnis des Begriffs. Es findet sich schon im Alten Testament angedeutet, so etwa in Jesaja 61,1: „Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen“ (vgl. Lk 4,18).

Im Neuen Testament wird unter „Evangelium“ das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus verstanden, von seiner Geburt bis zu seinem Kreuzestod, seiner Auferstehung und schließlich seiner Wiederkunft. Wesentliche Inhalte des Evangeliums beschreibt Apostel Paulus: „Als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen“ (1Kor 15,3-5).

Das Evangelium bringt also die Heilstat Jesu Christi zum Ausdruck, die durch nichts relativiert oder abgeschwächt werden kann. Im Evangelium wird verkündigt, dass Jesus Christus der einzige Weg zum Heil ist.

Gesetz und Evangelium stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander. Zwar lassen beide den Heilswillen Gottes offenbar werden, jedoch ist das mosaische Gesetz auf das damals erwählte Volk Israel ausgerichtet, während das Evangelium universelle Gültigkeit hat.

Es ist aber nicht zulässig, das Gesetz ausschließlich mit dem Alten Testament und das Evangelium mit dem Neuen Testament gleichzusetzen: Beide Teile der Heiligen Schrift enthalten sowohl Elemente des Gesetzes als auch solche des Evangeliums. Gesetz und Evangelium im Alten Testament werden erst durch den Schlüssel neutestamentlicher Erkenntnis in ihrem Wesen erschlossen. Das Evangelium, das die Heilige Schrift durchdringt, ist das „Wort vom Kreuz“ (1Kor 1,18), das „Wort von der Versöhnung“ (2Kor 5,19).

4.8.1 Das Gesetz Christi — die Gnade Nach oben

Apostel Paulus zitiert in seinen Ausführungen zur Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt, Stellen aus den alttestamentlichen Propheten, nämlich Jesaja 28,16 und Joel 3,5. Er schreibt: „Wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. Denn die Schrift spricht: ,Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.' Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn ‚wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden'“ (Röm 10,10-13). Im Hinblick auf das Evangelium betont der Apostel die Einheit von Altem und Neuem Bund.

Die Erkenntnis im Neuen Testament, dass der Mensch Sünder ist, ist schon im Alten Testament angelegt: „An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan [...] Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen“ (Ps 51,6.7). Schonungsloser kann die Lage des Sünders kaum zur Sprache gebracht werden; hier ist von der vermeintlichen Überlegenheit des Gesetzesfrommen gegenüber dem Gottlosen nichts zu spüren. Es gab also auch in alttestamentlicher Zeit schon solche, die ihre Erlösungsbedürftigkeit erkannten.

Auch Jesaja 49 bis 56 lässt sich als Vorwegnahme der Gnadenbotschaft des Evangeliums verstehen. So steht in Jesaja 53,4-6: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. [...] Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. [...] Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.“

Wie im Alten Bund schon Hinweise auf das Evangelium vorhanden sind, so gehört zur Verkündigung des Evangeliums im Neuen Bund auch die Rede vom Gesetz. Die Auseinandersetzung mit dem Gesetz und dessen neuer Deutung findet sich in den Evangelien ebenso wie in den Apostelbriefen.

Dabei geht es nicht um Aufhebung des Gesetzes, sondern um sein rechtes Verständnis, das erst durch das Evangelium Jesu Christi eröffnet wird: „Es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben. Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf“ (Röm 3,30.31).

Christus ist Erfüllung und zugleich Ziel des Gesetzes; damit ist auch das Verständnis vom Gesetz als Heilsweg zu Ende gekommen (Röm 10,4.5).

Während man im Alten Bund annahm, das Gesetz führe zum Leben und zur Überwindung der Sünde, stellt Apostel Paulus klar, dass es lediglich zur Erkenntnis der Sünde führt: „Die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Begierde, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: ,Du sollst nicht begehren!'“ (Röm 7,7).

Während das mosaische Gesetz zum einen dem Menschen deutlich machen soll, dass er Sünder ist, gibt es zum anderen Anleitung zu rechtem Handeln. Jesus Christus fasste das immer Gültige und Notwendige des mosaischen Gesetzes in dem Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe zusammen (Mt 22,37-40).

Das „Gesetz Christi“ nimmt damit wichtige Elemente des mosaischen Gesetzes auf — nämlich die Forderung nach Gottes- und Nächstenliebe (5Mo 6,5; 3Mo 19,18) — und stellt deren grundlegende Funktion heraus. In diesem Zusammenhang werden das Gegeneinander und das Ineinander von Gesetz und Evangelium wiederum deutlich.

Der Fromme des Alten Bundes erhoffte sich vom Bemühen, das mosaische Gesetz zu erfüllen, die Überwindung der Sünde. Dies aber konnte nicht erreicht werden. Erst im „Gesetz Christi“ wird die Überwindung der Sünde Wirklichkeit.

Der begnadigte Mensch ist vor Gott gerechtfertigt; die Rechtfertigung des Sünders ist Folge des Opfers Christi: „Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt“ (Röm 5,18).

4.8.2 Das Verhältnis von Glaube und Werk Nach oben

Der Mensch wird durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt. Insofern tragen die Werke, die er vollbringt, nichts zu seiner Heiligung und Rechtfertigung bei: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Röm 3,28).

Dennoch stehen Glaube und Werke in einer engen Beziehung und können nicht voneinander getrennt werden — gute Werke sind Ausdruck eines lebendigen Glaubens; fehlen sie, dann ist der Glaube tot. Glaube ist also nicht nur innere Einstellung, sondern drängt zur Tat (Jak 2,15-17).

Die guten Werke haben ihren Ursprung im Glauben, sie sind gleichsam die sichtbare Seite des Glaubens, an der die Wirklichkeit des Glaubens ablesbar wird. Der Glaube realisiert sich vor allem in der Liebe zu Gott und im liebenden Umgang mit dem Nächsten.

Glaube und Werk, Rechtfertigung und geheiligter Wandel gehören zusammen und sind nicht voneinander zu trennen.

EXTRAKT Nach oben

Evangelium“ bedeutet „gute Nachricht“. Im Neuen Testament wird unter „Evangelium“ das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus verstanden. (4.8)

Gesetz und Evangelium lassen den Heilswillen Gottes offenbar werden. Das Gesetz ist auf das Volk Israel ausgerichtet, während das Evangelium universell gültig ist. (4.8)

Wie im Alten Bund schon Hinweise auf das Evangelium vorhanden sind, so gehört zur Verkündigung des Evangeliums im Neuen Bund auch die Rede vom Gesetz. (4.8.1)

Jesus Christus fasste das immer Gültige und Notwendige des mosaischen Gesetzes in dem Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe zusammen. So nimmt das „Gesetz Christi“ wichtige Elemente des mosaischen Gesetzes auf. (4.8.1)

Der Mensch wird durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt. Insofern tragen die Werke, die er vollbringt, nichts zu seiner Heiligung und Rechtfertigung bei. Dennoch gehören Glaube und Werk, Rechtfertigung und geheiligter Wandel zusammen. Die guten Werke haben ihren Ursprung im Glauben, sie sind gleichsam seine sichtbare Seite. (4.8.2)